8 März

Nur noch Haut und Knochen, von Ana, Mia und Xiu Xiu

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang: 201010 Kommentare

BauchwehIn den letz­ten Tagen geis­terte immer wie­der ein Wort durch mei­nen Feed-Reader das mich zunächst neu­gie­rig machte. Pro-Ana (Wiki­pe­dia) bezeich­net man haupt­säch­lich junge Mäd­chen und Frauen, die sich einem extre­men Schlank­heits­ideal unter­wer­fen und sich über das Inter­net über eben die­ses Schlag­wort ver­net­zen. Ana lei­tet sich ab vom der Bezeich­nung der Krank­heit Anor­exia ner­vosa, der Mager­sucht. Die Asso­zia­tion mit dem Namen Anna ist gewollt, denn Anna ist das ima­gi­näre Vor­bild die­ser Mäd­chen. Der Brief von Ana ist die Bibel der Mager­süch­ti­gen Mäd­chen, die immer wei­ter abneh­men möch­ten — bis zum Tod.

Ihre Schwes­ter Pro-Mia endet oft in ähnli­cher Weise. Die unter dem bekann­te­ren Namen ver­brei­tete Sucht der Bule­mie (Buli­mia ner­vosa) oder auch Ess-Brechsucht genannt ver­an­lasst die Mäd­chen dazu, sich gleich nach dem Essen den Fin­ger in den Hals zu ste­cken, damit von der soeben auf­ge­nom­me­nen Nah­rung nichts auf die Figur schlägt. Vor ein paar Wochen kam dann noch der neu geplante Jugendmedienschutz-Staatsvertrag auf, der unter ande­rem die Zen­sur von sol­chen Inter­net­sei­ten for­dert und damit vor allem junge Mäd­chen vor Nach­ah­mung schüt­zen soll. Ich habe anschlie­ßend eini­ges dar­über gele­sen, lei­der machte kei­ner der Texte die Sache für mich verständlich.

Moo­nica brachte die Sache in ihrem Blog Fly me to the Moon für mich auf den Punkt. Moo­nica war selbst ein­mal Ess­ge­stört und lei­det heute immer noch unter den Fol­gen die­ser Sucht, in ihrem Bei­trag Start: Über mich schil­dert sie: »Mit ca 12 hat bei mir alles ange­fan­gen. Ein­fach fett füh­len wäre viel zu leicht gewe­sen. Ich wollte ein­fach nur unsicht­bar sein. Nicht immer das per­fekte Mäd­chen sein müs­sen, dass ich trotz­dem nach wie vor geblie­ben bin. Ver­schwin­den, wie ein Strich in der Land­schaft — wollte ich. Die Fol­gen waren mir zu dem Zeit­punkt egal. Irgend­wann war es mir auch egal, ob ich gese­hen werde […] Wieso ich raus bin? Freunde und Spie­gel.«

Moo­nica konnte der Gei­sel des eige­nen Geis­tes ent­rin­nen und lei­det nun immer noch unter den fol­gen der Krank­heit. Sie hat keine Pro­bleme mit rapi­der Gewichts­zu­nah­men, son­dern damit, ihr Gewicht zu hal­ten. »Ich will gar­nicht abrut­schen. Ich will nicht mehr abneh­men. Ich möchte mein Gewicht behal­ten. Ich habe unter den Fol­gen von dem Mist zu der Zeit genug gelit­ten, bzw. leide noch dar­un­ter. Es ist nicht schön, nicht selbst­stän­dig zu sein was die Nah­rungs­auf­nahme angeht.«  Ich bin mir sicher, das sie ihren Weg machen wird. Mit der Sucht abzu­schlie­ßen ist der erste Schritt, sei­nem neuen Bewusst­sein treu zu blei­ben ein zwei­ter, der offene Umgang damit für mich der Eindrucksvollste.

Kli­schee­haf­ter­weise ist sie auch noch ein Fan der schwar­zen Szene und ent­spricht damit dem Bild, das sich einige davon machen. Als Auf­fang­be­cken für Men­schen mit pro­ble­ma­ti­schem Selbst­wert­ge­fühl, Depres­sio­nen, Selbst­ver­let­zen­dem Ver­hal­ten und letzt­lich Ess­ge­stör­ten. Und in der Tat lässt sich nicht abstrei­ten, das die Emo­tio­na­li­tät und krea­tive Hang der Szene, der sich in der Musik, in den Bil­dern, der Lyrik  und dem ästhe­ti­schen Gefühl für das Ver­gan­ge­nen einen beson­de­ren Reiz auf diese Men­schen aus­übt. Des­halb ist es umso wich­ti­ger, genau aus die­ser Szene her­aus damit umzugehen.

Dear God, I hate Mys­elf von der ame­ri­ka­ni­sche Band Xiu Xiu geht mit die­sem Thema in visu­el­ler Form um. Sel­ten habe ich einen so authen­ti­schen, ein­fa­chen und wir­kungs­vol­len Umgang mit der Bule­mie gefun­den wie hier. Die dras­ti­sche Umset­zung ist aber ein wir­kungs­vol­les Mit­tel. »Wäh­rend Angela Seo ihre Fin­ger bis zum Brech­reiz in den Rachen führt, schiebt sich der neben­sit­zende Jamie Ste­wart genüss­lich eine Tafel Scho­ko­lade rein. Dabei streift der Clip auf den ers­ten Blick weit von­ein­an­der ent­fernte aber doch recht nahe bei­ein­an­der lie­gende The­men­fel­der: Schön­heits­ideale, Bule­mie, Anor­exie, orale Fixie­rung, Por­no­gra­fie.« schreibt SPEX und hat recht damit.

Auf der Inter­net­seite von Xiu Xiu ist zu lesen: »So yes, me vomit­ing my brains out on video was gross as hell and it made me feel like shit after­ward. Those tears and the »what the fuck is going on« look is sin­cere. But just because I look like shit does not mean that I didn’t have a choice in doing that.« Eure Mei­nun­gen dazu sind erwünscht.

Meine Mei­nung? Ein Sucht ohne Droge ist gefähr­li­cher als eine, die auf einer Sub­stanz basiert, denn sie wird allein vom Wil­len des Süch­ti­gen initi­iert, idea­li­siert und inten­si­viert. Mode­ma­ga­zine for­men seit Jahr­zehn­ten das Bild der per­fek­ten Frau und sor­gen letzt­end­lich für die stete Zunah­men von Ess­ge­stör­ten Indi­vi­duen, die sich von sol­chen Schön­heits­ideal beein­flus­sen las­sen. Der Wunsch eine per­fekte Frau zu sein um Ruhm und Kar­riere zu ern­ten und im Ram­pen­licht eines Lauf­ste­ges zu ste­hen gip­felt in For­ma­ten wie »Germany’s Next Top­mo­del« die eben die­ses Bild sug­ge­rie­ren, aber gleich­zei­tig die Ober­fläch­lich­keit hin­ter der glän­zen­den Fas­sade zeigen.

Viele der Mäd­chen sind sich der Gefahr durch­aus bewusst, zie­hen es aber vor ihre Außen­sei­ter­stel­lung wei­ter zu fokus­sie­ren. Eine Ess­stö­rung ist keine Krank­heit die man ein­fach hei­len kann, mit einem Aspi­rin ist es nicht getan. Pro-Ana oder Pro-Mia wird von eini­gen als Lebens­stil ver­stan­den, weil sie das Bewusst­sein für ihren eige­nen Kör­per ver­lo­ren haben. Web­sei­ten zu zen­sie­ren um junge Mäd­chen vor dem Nach­ah­men zu schüt­zen ist übri­gens Kon­tra­pro­duk­tiv, je ver­bo­te­ner und ver­werf­li­cher es ist, desto attrak­ti­ver wird es für die Betroffenen.

(Bild­quelle: alphabordercollie@flickr.com)

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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10 Kommentare

  1. Ich möchte ein­mal wis­sen, wer unse­ren Politik-Hirnakrobaten nur immer erzählt, dass ein Ver­bot das Maß aller Ein­däm­mung dar­stellt. Wie du schon sag­test, ein Ver­bot bringt nichts. Die, die es fin­den wol­len fin­den es wei­ter­hin und für andere wird es aus eben jenen Grund erst inter­es­sant.
    Pro-Mia ist mir neu, aber ich war schon Besu­cher auf eini­gen Pro-Ana-Seiten, bzw. Sei­ten von Fans die­ser »Bewe­gung« Es ist nicht schön, was man da zu sehen bekommt.

    Zudem erachte ich ein Ver­bot die­ser Sei­ten als staat­li­che Schein­hei­lig­keit hoch drei. Was soll das bewir­ken, wenn die Quelle des Übels völ­lig intakt bleibt. Wenn mir ges­tern zum Bei­spiel noch ein Pla­kat der pho­to­sho­po­p­ti­mier­ten Frau Klum zeigt, was das Ideal dar­stellt.
    Unsere heu­tige Gesell­schaft besitzt einen –in man­cher Hin­sicht– per­ver­tier­ten Leis­tungs­fe­tisch, der schon längst in den unters­ten Klas­sen der Gym­na­sien gekro­chen ist. Wer dem nicht gerecht wer­den kann ver­sucht in andere Mög­lich­kei­ten des Selbst­be­wei­ses zu flie­hen. Ver­sucht krampf­haft in der Schein­welt Fuß zu fas­sen, wel­che die Medi­en­land­schaft sug­ge­riert, indem sie makel­lose Schön­heit mit Erfolg gleich­set­zen und damit ganz unver­fro­ren auch den Umkehr­schluss unter­stel­len. Die­ses bil­det die Säu­len für Pro-Ana und Pro-Mia. Und sobald diese Säu­len nicht ein­ge­ris­sen wer­den, kann man ver­bie­ten was man will. Was nützt es, sich in kur­zen Arti­kel über das Ess­ver­hal­ten bei »Germany´s Next Top­mo­dell« auf­zu­re­gen, wenn diese Sen­dung auf­grund des Markt­wer­tes noch immer läuft und damit für dut­zende emo­tio­nal ver­irrte Mädels Zünd­stoff gibt.
    Mei­ner Mei­nung nach sollte man diese Frau K. und all die Modedesigner-Brut, die eben sol­che Schön­heits­ideale schaf­fen und bewer­ben, wegen Volks­ver­het­zung ankla­gen und mit Berufs­ver­bot abstra­fen. Das wäre eine Maß­nahme, dass wäre ein Sym­bol. Dan­nach kann man sich um die ande­ren Gründe für einen Ein­stieg in den Mager­wahn küm­mern. Aber dafür scheint die Staats­ge­walt zu inkon­se­quent oder gar zu feige. Statt­des­sen wer­den die Grö­ßen in Mode­tem­peln immer klei­ner und Mädels oder Kerl­chen, die sen­si­bel dar­auf rea­gie­ren, immer verzweifelter.

    Das Video erachte ich für recht wir­kungs­voll. Wie schon ein­mal erwähnt, bin ich ja Freund von unbe­schö­nig­ten Bil­dern. Aber wie es immer mit sol­chen Signa­len ist, wurde die­ses wohl extra­hiert. Zumin­dest lässt es sich nicht mehr star­ten. Den Blin­den ihren Blin­den­stock und bloß nicht ein­mal in Deutsch­land mit einem Thema bewusst unge­schminkt umge­hen, es könnte ja Kin­dern böse Träume bescheren…

  2. Unsere heutige Gesellschaft besitzt einen -in mancher Hinsicht- pervertierten Leistungsfetisch, der schon längst in den untersten Klassen der Gymnasien gekrochen ist. Wer dem nicht gerecht werden kann versucht in andere Möglichkeiten des Selbstbeweises zu fliehen.

    Ja so ist es. In jeder Hin­sicht müs­sen Kin­der und Jugend­li­che heute mehr leis­ten als noch vor 20 Jah­ren, das wird mir immer bewusst, wenn ich an meine eigene Kind­heit zurück­denke. Es ist ein Para­do­xon, das Eltern ihren Kin­dern immer mehr ermög­li­chen wol­len und dafür mehr arbei­ten gehen wobei sie dadurch dem eige­nen Kind unbe­wusst die wich­tigste Grund­lage neh­men.
    Manch­mal wun­dert es mich nicht, das Jugend­li­che — hier vor allem Mäd­chen — immer extre­mere Wege suchen Auf­merk­sam­keit zu erha­schen, die dann in sol­chen Ess­stö­run­gen mün­det. »Ich ver­stehe das alles nicht, Sie hat doch immer alles von uns bekom­men…« kon­sta­tie­ren die ver­zwei­fel­ten Eltern dann immer.

  3. “Ich ver­stehe das alles nicht, Sie hat doch immer alles von uns bekom­men…”.
    Rich­tig. Vor allem, wenn das »bekom­men« sich rein auf mate­ri­elle Dinge beschränkt. Die Eltern ihr Zei­chen der Zunei­gung ver­stärkt mit Luxus­ar­ti­keln zum Aus­dru­cken brin­gen wol­len und sich dann wun­dern, warum eine immer stär­kere Mauer zwi­schen ihnen und dem Kind ent­steht. Kin­der bzw. Jugend­li­che sind nun ein­mal nicht käuf­lich, auch wenn das zu viele den­ken und gerade die Medien oder die Wer­bung dar­auf anspielt.
    Zudem ist es ja nicht gelo­gen, dass wir hier in Deutsch­land ein Ernäh­rungs­pro­blem haben. Das Ange­bot und die Ver­füg­bar­keit von Fut­ter stei­gen und die Not­wen­dig­keit bzw. Zeit für Bewe­gung sinkt. Somit kann es recht schnell pas­sie­ren, dass man –oder in die­sem Fall: Mädel– etwas außer­halb des BMI liegt. Oder ein­fach nur eine weib­li­che Figur ent­wi­ckelt, die von heu­ti­gen Mager­suchts­mo­dells mit Kna­ben­be­cken rigo­ros aus der Schön­heits­welt ver­bannt wur­den.
    Im Alter der Selbst­fin­dung suh­len sich zudem gerade Kerle in einer Welt­an­schau­ung vol­ler prä– oder post­pu­ber­tä­rer Ober­fläch­lich­kei­ten und blö­ken diese neuen Erkennt­nisse natür­lich sogleich begeis­tert in die Welt hin­aus. Ein Ver­hal­ten, dass so man­che abschre­cken kann, vor allem, wenn diese schon auf­grund des Ver­glei­ches zwi­schen Spie­gel­bild und DIN-Ideal Gefahr läuft, sich zu kri­ti­sie­ren. Dar­auf folgt Frust, weil allein all­jene in der Klasse, Cli­que oder dem Umfeld Erfolg und Nähe ern­ten, die eben dem Ideal gerecht wer­den kön­nen und schon schnapp die Falle ebenso zu. Zu oft dabei ohne Grund.

    Wobei gerade die Schule und das Eltern­haus dafür da sein soll­ten, um in die­sem Alter das Selbst­be­wusst­sein zu stär­ken und die rich­ti­gen Bah­nen zu ver­an­kern. Nur habe ich den Ein­druck, dass zu oft eher Gegen­tei­li­ges der Fall ist.

  4. Dabei fehlt den meis­ten Jugend­li­chen mei­ner Mei­nung nach nur ein Struk­tu­rier­ter Tag. Sowas wie ein gemein­sa­mes Abend­es­sen mit den Eltern. Fand ich sel­ber natür­lich schreck­lich, als ich so alt war, aber Rück­bli­ckend war das schon was fei­nes, was meine Eltern eher unbe­wusst gemacht haben. Aber sol­che Dinge ersti­cken im — wie du schon sagst — Leis­tungs­druck unse­rer Gesell­schaft, der selbst vor den Jugend­li­chen nicht mehr Halt macht.

  5. Ich muss Guld­han Recht geben, der Leis­tungs­druck fängt heute schon viel frü­her an. Auch durch die stän­dige Mel­dun­gen über die Arbeits­lo­sen­quote wer­den Eltern und Kin­der doch unbe­wusst gestresst. Kin­der wer­den zur Nach­hilfe geschickt, dort zur Früg­för­de­rung und dabei geht ver­ges­sen, dass Spie­len wohl das wich­tigste für Kin­der ist. Sie ler­nen neu­gie­rig zu sein, wohl das Wich­tigste wenn man aus­dau­ernd ler­nen muss…

    Wenn man den Leis­tungs­druck nicht mehr aus­hält, sucht man sich etwas, dass man völ­lig kon­trol­lie­ren kann. Bei Frauen rich­tet sich Aggres­sion imm­mer noch meist gegen innen, und was kann man bes­ser kon­trol­lie­ren als das Essverhalten…und heute kommt der zweite Druck, das weib­li­che Schön­heits­ideal noch viel frü­her zum Zug als in mei­ner Gene­ra­tion. Schon mal die Kin­der­ab­tei­lun­gen, beson­ders die Mäd­chen ange­schaut? Erwach­se­nen­klei­dung ink. Hüft­ho­sen, nur eben kleiner…Kinder dür­fen nicht mehr lange Kind sein, wenn sie mit 13 schon rum­pop­pen und mit 21 wohl das erste Mal geschie­den sein müs­sen *hust*

    Den meis­ten fehlt auch der Gedanke, dass sie nicht so wie die ande­ren sein müs­sen. Wenn die eltern den Kin­dern das nicht mit­ge­ben, wer dann…

    Und danke für das Video.

    Liebe Grüsse

  6. @Atanua: Dazu hatte ich heute eine inter­es­sante und Gene­ra­tio­nen­über­grei­fende Dis­kus­sion am fami­liä­ren Tisch. Mitt­ler­weile wird eng­lisch ja schon im Kin­der­gar­ten ver­mit­telt um dann in der Grund­schule fort­ge­führt zu wer­den. Auch Tages­be­treu­un­gen und Mit­glied­schaft in Sport– und Musik­ver­ei­nen halte ich ins­ge­samt für den fal­schen Weg. Hier wird schon, genau wie du sagst, Leis­tungs­druck ver­mit­telt der eben mit 21 in einer Schei­dung enden kann. Ich denke Kin­der brau­chen genug Frei­raum um Kind zu sein, ohne dabei allein gelas­sen zu wer­den. Im Prin­zip sprichst du mir aus der Seele, obwohl ich mir als Vor­wurf immer gefal­len las­sen muss, selbst noch keine Kin­der zu haben. Ist ja auch leicht, wenn einem die Argu­mente aus­ge­hen. Alle spre­chen von feh­len­dem Respekt, das stimmt — der Erwach­sene wird lange nicht mehr mit soviel Respekt gese­hen wie viel­leicht vor 20 Jah­ren. Aber viel­leicht liegt das daran, das viele nicht bereit sind den Kin­dern und Jugend­li­chen den nöti­gen Respekt ent­ge­gen zu brin­gen. Respekt muss man sich ver­die­nen, das gilt für beide Seiten.

  7. Als ehe­ma­lige Betrof­fene des gan­zen Ernäh­rungs­pro­blems (nicht Pro Ana oder so nen Kram son­dern eher klas­si­scher Ess­stö­rung) kann ich sagen, dass meine Eltern und auch mein Arzt mit dem Pro­blem nicht ange­mes­sen umge­gan­gen sind.
    Für mich war es wohl eher ein Aus­druck von Selbst­kon­trolle, weil man mir sämt­li­che Kon­trolle über mein Leben schon früh abge­nom­men hatte und ich dadurch allein fremd­be­stimmt durchs Leben ging und natür­lich war es auch eine Form der Selbst­zer­stö­rung.
    Meine Eltern und mein Arzt sahen ein­zig als Grund, dass ich angeb­lich einem Schön­heits­ideal ver­suchte hin­ter­her zu lau­fen und kei­nen inter­es­sierte es, ob es da keine tie­fer­lie­gen­den Pro­bleme gab. Wahr­schein­lich des­we­gen weil sie nicht damit kon­fron­tiert wer­den woll­ten.
    Ich glaube auch dass Ernäh­rungs­pro­bleme (egal in wel­ches extrem) so schwie­rig zu bekämp­fen sind, weil wir eben Essen müs­sen. Ziga­rette, Dro­gen und Alko­hol kann man aus dem Weg gehen. Dem Essen nicht.
    Dazu kommt, dass unsere heu­tige Ernäh­rung für unse­ren Lebens­wan­del kaum ange­mes­sen ist und durch Wer­bung und große Fir­men geprägt wird aber nicht durch unsere Bedürf­nisse. Eigent­lich logisch, wenn man bedenkt, dass es auch in ande­ren Bran­chen so ist, dass der­je­nige ton­an­ge­bend ist, der Geld hat und noch mehr Geld will.

  8. @Ricarda: Schwer zu beur­tei­len ob Ernäh­rungs­pro­bleme wirk­lich so schwer zu bekämp­fen sind weil wir uns ernäh­ren müs­sen. Ich denke für die Men­schen, die ein Pro­blem damit haben ist es nur Mit­tel zum Zweck. Selbst­zer­stö­rung und der Beweis der eige­nen Kon­trolle über die Nah­rung. Es wahr­schein­lich wie du sagst, wenn man die Ursa­che für die Ess­stö­rung lösen kann, löst das Ernäh­rungs­pro­blem von ganz allein. Es ist aber schwer sich damit aus­ein­an­der­zu­set­zen und daher viel­leicht ein­fa­cher, die Sym­ptome zu bekämpfen.

  9. Naja… ich denke, wenn eine Ess­stö­rung bereits zur »Normalität«/Routine gewor­den ist, ist sie im Hirn ver­an­kert, und bleibt ein Leben lang erhalten.

    Zumin­des­tens les ich das immer wie­der:
    Betrof­fene stür­zen von Mager­sucht in Fress­sucht, das gewicht Pen­delt von Unter­ge­wicht zu Adi­po­si­tas, und wie­der zurück.

    Man sollte glück­lich sein, wenn man ein Ess­ver­hal­ten hat, das den kör­per­li­chen Bedürf­nis­sen ange­mes­sen ist. Also essen wenn man Hun­ger hat und auf­hö­ren, sobald man satt ist.

    Wer sie nie satt isst, oder immer über das Satt sein isst, der ver­sucht eine Sache am Kör­per zu kon­rol­lie­ren, für die eher das Unter­be­wusst­sein zustän­dig ist. Und das schlägt dann Alarm, »Über­le­bens­re­flex«.
    Ein Teufelskreis.

    Eigent­lich liegt es doch auf der Hand:
    für mich ist jede Sucht nur ein Ersatz für etwas ande­res.
    Ein aus­ge­gli­che­ner zufrie­de­ner Mensch wird nicht so angreif­bar für diverse Süchte sein wie jemand, der (wenn auch nur unbe­wusst) ein Gefühl hat à la »da ist ein (emo­tio­na­les) Loch, das möchte ich füllen«.

    Nur: diese Löcher kann man »pro­duk­tiv« fül­len, als auch »destruktiv«.

  10. @unkraut: Ich denke ein wenig anders. Das schlechte Ess­ver­hal­ten hat man sich antrai­niert, irgend­wann wird es chro­nisch oder wie du sagst, zu Nor­ma­li­tät. Doch nie­mand soll sich hin­ter der Fas­sade ver­ste­cken das es im Hirn ver­an­kert ist, denn man kann sich alles wie­der neu erler­nen. Das geht natür­lich nur, wenn man zunächst die Ursa­chen bekämpft, in dem man einen Aus­gleich schafft, Pro­bleme löst und Kon­flikte bewäl­tigt. Sicher ist das nicht ein­fach und kann ewig dau­ern. Doch NICHTS ist unmög­lich, jeder Teu­fels­kreis KANN durch­bro­chen werden.

    Ich bin mir bewusst das es viele nicht schaf­fen und ewig krank blei­ben wer­den, des­halb möchte ich ja schon im Vor­feld klar­ma­chen wie schwach­sin­nig ein kör­per­li­ches Ide­al­bild ist und Wahr­neh­mungs­stö­run­gen im Keim ersticken.

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Trackbacks

  1. M00nica schreibt:

    RT @TopsyRT: Nur noch Haut und Kno­chen, von Ana, Mia und Xiu Xiu http://bit.ly/c0cYG2

  2. Shamus McRöll schreibt:

    RT: @Spontis: Riss ich ges­tern zu große Essen­spor­tio­nen an, beleuch­tet Spon­tis heute Buli­mie und Mager­sucht — http://bit.ly/bVbjqf #YingYang

  3. . schreibt:

    It´s in Ger­man …: RT @TopsyRT: Nur noch Haut und Kno­chen, von Ana, Mia und Xiu Xiu http://bit.ly/c0cYG2

  4. […] Nur noch Haut und Kno­chen, von Ana, Mia und Xiu Xiu — Die­ser Arti­kel über Ess– und Ver­hal­tens­stö­run­gen jun­ger Mäd­chen hat mich beson­ders bewegt, denn das Inter­net formt irre Inter­es­sen­ge­mein­schaf­ten die sich in ihrer Sucht bestär­ken und so bis zum Tod abneh­men. (1.105 Aufrufe) […]