8 Februar

Mein schaurig schönes Tagebuch – Episode 12: Einsam und doch nicht allein

Verfasst von Diskussion: 4 Kommentare

das schaurig schoene tagebuchLiebes Tagebuch. Ich entschuldige mich gleich im Voraus für die verlaufende Tinte meiner schwermütigen Worte, denn dieser Eintrag drückt auf die Tränendrüse, jedenfalls auf meine. Glücklicherweise schreibe ich nicht mit Tinte, sondern mit Tasten und Bildschirme neigen bekanntlich auch nicht dazu, unter tropfenförmiger Wassereinwirkung die Worte zu verschmieren. Auch die Schwerkraft spielt bei näherer Betrachtung mit, denn Tränen fallen nach unten und nicht nach vorne. Jedenfalls in diesem Universum. Aber ganz so traurig wie es klingt, oder wie es den Klischees unserer Subkultur nach klingen sollte, ist es dann doch nicht. Im Gegenteil, was mit Einsamkeit beginnt, endet mit Hoffnung. 

Wie du weißt, liebes Tagebuch, sitze ich einsam vor dem Bildschirm, wenn ich Artikel schreibe, Kommentare beantworte, Bilder veröffentliche und Informationen für neue Ideen suche. Das war immer schon so. Ich tauche ein in die virtuelle Welt, in der Gut und Böse, Legal und Illegal und letztendlich auch Einsamkeit und Gemeinschaft so nahe beisammen liegen. Ein paar mal die falschen Tasten gedrückt, hier mal unbedacht was angeklickt, schon ist das Gleichgewicht der Dinge gestört. Und weil das alles so einfach und virtuell erscheint, fühlt sich die Welt dann doch irgendwie unecht an. Denn du kannst sie ausschalten. Ganz einfach. Doch das sollte ein Irrtum sein.

Als ich 2010 zum ersten mal auf dem Wave-Gotik-Treffen einfach so auf diesen Blog angesprochen wurde, war es aus mit der heilen, einsamen und virtuellen Welt. „Bist du der Robert von Spontis?“ sorgte für einen gehörigen Sturm im Wasserglas und verdeutlichte mir erstmals, das Einsamkeit nicht unbedingt dafür sorgt, dass man alleine ist. Die Grenze zwischen der virtuellen Welt und der realen Welt verwischte und verschmierte unter den leisen Tränen der Freude. Durch dieses positive Schlüsselerlebnis entwickelte sich eine Leidenschaft für das Schreiben. Die Gewissheit, dass es Menschen an anderen Fenstern der virtuellen Welt gab, die schauten, was ich in meinem kleinen Garten so trieb, sorgte in mir für ein intensives Gemeinschaftsgefühl. 

Oft genug hat mir das virtuelle Leben seit dem schon versucht, die Sache zu vermiesen. Virenangriffe, Datencrash, Trolle, Hassmails, drohende WDR-Redakteure, erboste Autoren und Professoren und immer wieder neue Hiobs-Botschaften von Dingen, die man im Internet falsch machen kann. Vor allem dann, wenn du in irgendeiner Art und Weise publizistisch unterwegs bist. Alles getragen von der Leidenschaft, die Dinge aufzuschreiben, die mich beschäftigen. Verrückt. Hätte ich die gleiche Zeit mit einem lukrativen Nebenjob verbracht, wäre ich wohl möglich reich geworden!

Im Januar 2017 dann das negative Schlüsselerlebnis, das meine virtuelle Welt wieder einmal auf den Kopf stellte. Die Abmahnung im meinem Briefkasten zerstörte abermals die heile, einsame und virtuelle Blase. Doch diesmal waren keine Freudentränen angebracht, sondern Wut, Enttäuschung und Traurigkeit. Die Kostennote versprach, das Sparbuch zu leeren und Löcher in das Fass der Leidenschaft zu schlagen. Mir wurde bewusst, wie dünn das Eis ist, auf dem ich mich bewege, wie zerbrechlich mein Sicherheitsgefühl ist und wie schnell aus der Welt am Bildschirm bittere Realität werden kann.  Mehr als einmal dachte ich laut darüber nach, alles hinzuwerfen. Wofür auch? Für ein virtuelles Gemeinschaftsgefühl? Für die Begegnungen an den wenigen Tagen im Jahr? Für das Gefühl etwas innerhalb der Szene zu bewegen?

Ja. Genau dafür.

Doch diese Einsicht kam erst später.

Ich verfasste etwas widerwillig einer Beitrag zu der Sache, ich hatte Angst, mich noch tiefer in etwas hineinzureiten, falsche Worte zu benutzen, Behauptungen aufzustellen und nachher noch dümmer da zu stehen als vorher. Dennoch schilderte ich, was vorgefallen war und veröffentlichte einen Beitrag. Vielleicht einer der letzten? So fühlte ich mich jedenfalls. Doch was dann passierte, überwältigte mich. Innerhalb von Minuten die ersten Nachrichten von Leuten, die Geld spenden wollten und mir Mut machten. Ein bisschen geschämt habe ich mich dann schon, als Freunde und wildfremde Leser plötzlich Geld schicken wollten. Sollte der große, starke und selbstbewusste Robert, der sich in vielen Dingen maßlos überschätzt, tatsächlich auf Hilfe angewiesen sein? Als dann plötzlich die ersten 50€ auf meinem PayPal Konto auftauchten, musste ich erstmal wohin mit dem Druck, der sich in den letzten Stunden angestaut hatte.

Blöd war, dass ich mich gerade auf der Arbeit befand. Spätschicht. Ich konnte doch nicht im Kreise meiner Testosteron-Geschwängerte Arbeitskollegen anfangen zu heulen! Mit einer Ausrede und feuchten Augen bin ich dann schnell auf die Toilette geflüchtet, hab auf den Kragen meines Pullovers gebissen und furchtbar losgeheult. Soviel emotionaler Stress an einem einzigen Tag musste irgendwo hin. 

In den nächsten Tagen habe ich unzählige E-Mails und Nachrichten beantwortet. Von stillen Mitlesern, Sympathisanten und Freunden. Es dauerte keine Woche, da waren sämtliche zu erwartenden Kosten gedeckt. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet! Ich glaube, mir war schon am Tag danach klar, dass ich unter allen Umständen weiterschreiben wollte. Nicht etwa, weil nun Geld geflossen ist, sondern einfach deshalb, weil ich merkte, dass dieser Blog nicht nur mir etwas bedeutete, sondern auch den Lesern, bei denen die Bereitschaft zu helfen über ein einfaches „Gefällt mir“ weit hinaus geht. In Zeiten, in denen jeder im Netz um Aufmerksamkeit buhlt, in Zeiten, bei denen von 150 „Ich nehme Teil“ nachher 14 Leute kommen und in Zeiten wo die Kostenlos-Kultur mit der Ellbogen-Mentalität um die Vorreiterrolle kämpft.

Das Ende vom Lied

Ausgestanden ist es noch nicht. Die Gegnerische Partei kann immer noch vor Gericht gehen, um darüber zu streiten, welche Sichtweise nun die Richtige ist. Ich habe einen kleinen Fehler gemacht und wurde dafür bestraft. In den letzten Wochen habe ich meinen Blog umgekrempelt, etwa 700 Bilder gelöscht, durch neue Ersetzt oder penibel auf die korrekte Auszeichnung der CC-Lizenz geachtet. Ich habe sämtliche Nebenprojekte im Internet eingestampft oder in fremde Hände gegeben, um mich nur noch auf Spontis zu konzentrieren. Sollte es bei der Summe von rund 550€ bleiben, die ich bis jetzt bezahlt habe, bleibt noch Geld übrig. Ich habe mich entschlossen, den Restbetrag für den Druck des kommenden Spontis-Magazins zur verwenden, von dem natürlich jeder, der möchte, dann kostenlos ein Exemplar erhält. Wer zum Spontis-Treffen 2017 erscheint, bekommt sogar noch einen der heiß begehrten Buttons. Ich schließe die Sache jetzt mal für mich ab und blicke nach vorn. Der Gothic Friday verdient noch einen würdigen Abschluss, ein neuer (alter) Autor wird bei Spontis integriert, eines neues Design soll her und die „Spontithek“ (lasst Euch überraschen) wartet auf seine Umsetzung. 

Liebes Tagebuch. Einsam ist nicht gleichbedeutend mit Allein. Für viele ist der Bildschirm ihr Fenster aus der Einsamkeit, die vielleicht nicht so negativ zu betrachten ist, wie man landläufig annimmt. Manchmal ist die Einsamkeit sogar erwünscht oder Grundvoraussetzung für einen kreativen Prozess. Ich bin gerne Einsam. Alleine bin ich jedoch nicht. Und das ist ein tolles Gefühl. Ich bin nicht alleine mit meinem Verständnis für Einsamkeit, mit meiner Sichtweise auf die Dinge und mit meiner Leidenschaft für die Szene. Ich nahm immer an, dass es so ist, aber da habe ich mich getäuscht. Schon wieder.

Danke an: Marcus, Annina, Ronny, Ella, Edith, Sabrina, Volker, Stephanie, Jasmin, Stefan, Sebastian, Sarah, Katharina, Parm, Dennis, Caro, Jana, Gabrielle, Peter, Andreas, Jörg, Tobias, Andreas, Lars, Ina, Manuela, Waldemar, Marcus, Carmen, Yves, Nikolaus, Janina, Katharina, Nathalie, Sigrid, Ansgar und Markus für Eure Bereitschaft etwas zu geben, für Eure Tipps und Hinweise, für das Teilen und Liken der Artikel, für das verbreiten oder einfach für das gemeinsame aufregen via Skype ;) Danke an Markus Reuter von netzpolitik.org für die wertvollen Hinweise und die Recherche und Danke an die Ansgar Koreng von der Rechtsanwaltskanzlei JBB für das geduldige beantworten meiner Fragen und die Übernahme meines Falls. Ich werde mich für Eure Hilfsbereitsschaft rächen! :-) Danke an alle Leser, Kommentatoren, Sympathisanten, Bloggerkollegen und „Gefällt mir“ Drücker.  Zusammen seid ihr der Rücken, der mich trägt. 

4 Kommentare

  1. Freut mich sehr das man helfen konnte. Ich freu mich auf hoffentlich viele weitere Interresante Beiträge auf Spontis, und vielleicht schaffe Ichs auch irgendwann mal auf ein Spontis treffen.

  2. Ich habe zu danken! Es würde mich sehr freuen, wenn du es auf ein Spontis-Treffen schaffst. Vergiss aber nicht, Dich zu erkennen zu geben. Häng Dir einen Knochen um den Hals :D Nein Quatsch, ich würde mich freuen, wenn wir uns mal sehen.

  3. Nicht viele investieren so viel Zeit und Mühe in ihre Subkultur.
    Da ist es ja wohl das Mindeste, was du verdient hast, dass man dich in so einer Situation mal unterstützt!
    Vor allem im Vergleich zu den Menschen, die mit ihren inhaltsleeren Produkten massig Geld verdienen.

  4. @Spinnlein: Jetzt fühle ich mich in Dein Netz gewickelt <3 Danke für die netten Worte! Ich bin stark daran interessiert, weiterhin und gut gefüllte Inhalte für ein Lächeln zur Verfügung zu stellen. Obwohl das mit dem Lächeln ja wider unserer Subkultur wäre. Ist ja dann auch eher so ein inneres lächeln, während die schwarz geschminkten Lippen betreten nach unten zeigen. Es ist schön zu wissen, dass man, wenn es darauf ankommt, dann doch nicht allein ist ;)

Schreibe einen Kommentar

Hilfe bei der Kommentareingabe?