19 März

Man lernt nie aus - Der Wiener Krocha

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 20099 Kommentare

krocha3

Der Blick über den Tellerrand verblüfft mich immer wieder mit neuen Phänomenen der Jugendkultur, die ich bis dato nicht einzuordnen vermochte. Zu meinem Artikel Subkultur! - Visual Kei kommentierte der inzwischen 13 Jahre alte Visu names Sayuri "Wir sind immer noch bes­ser als diese Kro­cha und Proleten…« wor­auf­hin sich nicht Kom­men­ta­tor Vizioon die Frage stellte, was sind Kro­cha?

Kro­cha (Kra­cher) ist die öster­rei­chi­sche und vor allem in Wien gebräuch­li­che Form für soge­nannte Party-Macher1 und bezeich­net bestimmte Mit­glie­der einer Jugend­szene, die es aber nicht nur in Öster­reich gibt, son­dern auch hier. Lei­der ist mir ein deut­sches Wort dafür noch nicht zu Ohren gekom­men, ich hoffe natür­lich, das diese Tat­sa­che durch einen enga­gier­ten Kom­men­tar abge­stellt wird. Es beschreibt jeden­falls eine die­ser lee­ren Sze­nen, die weder Werte noch Welt­an­schau­un­gen ver­tre­ten und eine reine Kon­sum­ori­en­tierte Spaß­szene sind, die häu­fig so schnell ver­schwin­den, wie sie auf­ge­tre­ten sind, spä­tes­tens dann, wenn New Yor­ker, Pim­kie und H&M andere Sachen auf ihre Klei­der­stan­gen hängen.

In Zei­ten der Retro­wel­len wer­den immer wie­der auch modi­sche Vor­ga­ben ver­gan­ge­ner Zei­ten auf­ge­grif­fen, aus denen sich auch diese Szene zusam­men­setzt. Die größte Leis­tung der Jugend in den 90ern war es, die schlimms­ten Unan­sehn­lich­kei­ten der 80er zu ver­trei­ben. Neon in all sei­nen Varia­tio­nen waren damals nicht nur mir in den Augen und ver­brann­ten mir unter direk­ter Son­nen­ein­strah­lung die Augen. Kro­cha tra­gen bunte Neon­kap­pen, die sehr oft eine aus­ge­prägte Voku­h­ila2 zu ver­de­cken ver­su­chen und lau­fen meist in klei­nen Grüpp­chen durch die Gegend, die dann ihre Umwelt mit den win­seln­den Tönen ihrer Handy Laut­spre­cher ver­seu­chen. Hier würde eine der schö­ne­ren Inno­va­tio­nen aus den 80er bes­ser pas­sen, der Walk­man. Ihre Kla­mot­ten machen kein Geheim­nis dar­aus, wer sie kre­iert hat, son­dern der Mar­ken­name wird offen und als Sta­tus Sym­bol getra­gen. Ed Hardy, D&G, Angel Devil und glän­zende Snea­ker oder Boxer­stie­fel in Sil­ber oder Gold gehö­ren zu Grundausstattung.

Rein musi­ka­lisch sind die Kro­cha aus­schließ­lich den elek­tro­ni­schen Tanz­rich­tun­gen wie Hard­style, Jump­style und Schranz zuzu­ord­nen, deren aus­la­den­den Bewe­gun­gen ihnen auch den Spitz­na­men Tanz­flä­chen­rü­pel ein­ge­bracht hat, wobei das aber für den Pogo der frü­hen 80er sicher­lich auch gegol­ten haben mag. Rein poli­tisch sind sie völ­lig des­in­ter­es­siert, das oft getra­gene Pali3 ist nicht etwa als Soli­da­ri­sie­rung mit Län­dern oder Men­schen zu sehen, son­dern als rein modi­sches Accessoire.

Natür­lich sind die Öster­rei­cher Erfin­der die­ses äußert gelun­ge­nen Wort­spie­les, schließ­lich belegte das Wort Platz 2 in der Worte des Jah­res Wahl 2008 in eben die­sem Land. Die Jugend­szene an sich ist aber sicher­lich ein inter­na­tio­na­les Phä­no­men, das von Mode­fir­men geprägt wurde, durch Musi­ker popu­lär gemacht wurde um anschlie­ßend von der Jugend auf­ge­grif­fen zu wer­den. In die­sem Sinne: Bam, Oida!

(Bild­quelle: cHs/flickr.com)
  1. Kro­cha kommt von krochn, das wie­der­rum von eine­krochn stammt und rein­kra­chen bedeu­tet, damit bezeich­net man das Party machen und Fei­ern []
  2. Abkür­zung für eine Fri­sur: Vorne kurz, hin­ten lang []
  3. Das Pali ist die Abkür­zung für Paläs­ti­nen­ser­tuch, das von der Kufiya abstammt, dem in den ara­bi­schen Län­dern getra­gene Kopf­tuch der Män­ner, erst durch den anhal­ten­den Nah­ost­kon­flicht in Paläs­tina kam das Tuch zu sei­nem heu­ti­gen Namen []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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9 Kommentare

  1. Nächs­tes Jahr tackern sich die Jugend­li­chen die Unter­lippe an die rechte Arsch­ba­cke, nen­nen das dann »Sub­kul­tur«, ste­cken sich China­kra­cher in die Ohren und hüp­fen auf einem Bein um die eigene Achse. Kurz: Ich würde das als Per­spek­ti­ven­lo­sig­keit bezeich­nen, gepaar mit Geschmacks­ver­ir­rung und sexu­el­ler Fehlerziehung.

  2. Du berei­tes mir immer wie­der Schübe von Glück­hor­mo­nen. Deine Zusam­men­fas­sung unter dem Stich­wort »Kurz« bringt die Sache auf den Punkt :) Sub­kul­tur, nein, dafür reicht es nicht. Kro­cha und Emos sind mei­ner Mei­nung nach Mode­er­schei­nung und äußert kurz­le­big, dafür aber umso spa­ßi­ger und unterhaltsamer.

  3. Keine Ahnung was Jump­style, Hard­style oder Schranz sein soll, aber die nen­nen wir hier ziem­lich oft House-Boys, weil man die bei sol­chen Dis­cos am häu­figs­ten sieht…ziemlich amü­sant anzu­se­hen. Scheint mir eine sehr von Män­nern domi­nierte Mode zu sein, liegt wohl daran, dass nur Män­ner far­ben­blind sein können…;-)

    Liebe Grüsse

  4. Ich habs gerade vor­hin mal gegoo­gelt (ich hoffe, das schreibt man so), aber viel schlauer bin ich noch nicht. wahr­schein­lich liegt es daran, daß das eigent­lich nichts ist. Was daran kra­chen soll, ist mir auch nicht nicht klar, außer daß das Kra­chen das Geräusch der Netz­haut beschreibt, wenn sie sich aus Mit­ge­fühl oder Panik ange­schmort vom Rest des Kör­pers ablöst *g*.

  5. *grins* Für mich sieht es auf dem Bild aus wie eine Mischung aus Rap­per, Öko und Popper ;)

  6. @Atanua: House-Boys klingt aber irgend­wie gleich­ge­schlecht­lich :) Es soll aber durch­aus auch weib­li­che Kro­cha geben, die mit ähnli­chen Ver­ir­run­gen die Augen pene­trie­ren. Män­ner sind nicht far­ben­blind son­dern geschmacks­ver­irrt, schlaue Män­ner wer­den daher Gothics, da kann man rein farb­lich nicht viel falsch machen ;)

    @Vizioon: Kra­chen meint Party machen, es quasi kra­chen las­sen. Deine Angst davor, das sich deine Netz­haut aus o.g. Emo­tio­nen her­aus vom Rest dei­nes Kör­pers ablöst, kann man übri­gens vor­beu­gen und das zu jeder Tages­zeit, denn schon Corey Hart wusste in den 80er zu sin­gen Sun­glas­ses at Night.

    @Stoffel: Inter­es­sante Mischung, aber wo siehst du Öko? Die Eier kön­nen es nicht sein, denn offen­sicht­lich sind da keine :)

  7. Das Schlimmste an die­sen Kro­cha ist ja vor allem die Bräu­nungs­creme, die da in Mas­sen ver­wen­det wird. Hab da schon Fotos gese­hen, die waren echt mehr als pein­lich. Glück­li­cher­weise ren­nen die hier im Nor­den schein­bar ein wenig gemä­ßig­ter rum. Hab aber auch gehört, dass die »Krocha-Bewegung«, wenn man es denn so nen­nen mag, schon wie­der abge­flaut ist…

  8. »Frü­her«, also als ich noch jung und kna­ckig war bevor das »und« Ober­hand gewann, hatte ich auch mal eine sogen. Ökophase und neben Jesus­lat­schen gehörte das PLO Tuch ein­fach dazu *grins*

  9. @BeetFreeQ: In der Tat, die Bräu­nungs­creme habe ich nicht erwähnt. Bis zum Nor­den hat sich die­ser Trend wohl nicht durch­ge­setzt, sei froh :) Ein abflauen würde ich durch­aus begrüs­sen, so wäre es wenigs­tens eine sinn­ent­leerte Jugend­szene weni­ger und würde für die Kurz­le­big­keit sol­che Mode­er­schei­nun­gen spre­chen. Ges­tern auf dem Trö­del­markt habe ich bereit zwei Kro­cha als Ver­käu­fer erle­ben dür­fen, viel­leicht fin­den sich bald ent­spre­chende Acces­soires auf dem Verkaufstisch

    @Stoffel: Darin hätte ich dich zu gerne gese­hen :) Jung und Kna­ckig? Wins­ton Chur­chill sagte ein­mal: Nur weil ein Apfel alt und run­ze­lig erscheint, hat er noch lange nichts von sei­nem Wohl­ge­schmack verloren.

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