7 Februar

Ist Unpolitisch Synonym für Gleichgültigkeit?

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 200913 Kommentare

geister1

Das der Groß­teil der Szene unpo­li­tisch ist, sollte spä­tes­tens seit diver­sere Publi­ka­tio­nen bekannt sein. Gothics sind ein intro­ver­tier­tes und ruhi­ges Völk­chen, das offen­bar nur in Ruhe sei­ner Pas­sion nach­ge­hen möchte. Das Schlag­wort unpo­li­tisch ist in die­sem Zusam­men­hang in fast allen Publi­ka­tio­nen, die ich gele­sen habe, erschie­nen. Stammt die Gothic Bewe­gung ursprüng­lich vom Punk ab, so war die Szene zu ihrer ers­ten Blü­te­zeit Mitte der 80er ten­den­zi­ell eher Links ori­en­tiert ohne aber wirk­lich eine wirk­li­che, poli­ti­sche Gesin­nung zu zeigen.

Und heute? Der über­wie­gende Teil der schwar­zen Gemeinde ist unpo­li­tisch und das stär­ker als jemals zuvor. Daran ist zunächst ein­mal nichts aus­zu­set­zen, denn Akti­vis­mus ist nicht jedem als Lei­den­schaft in die Wiege gelegt. Ange­sichts der rech­ten Strö­mun­gen inner­halb der Szene halte ich es aber für wich­tig, Stel­lung zu bezie­hen, sonst ver­kommt das unpo­li­ti­sche Ver­hal­ten schnell zu einer Gleich­gül­tig­keit, die Nähr­bo­den für Faschis­ti­sche Ideo­lo­gien sein kann. Die Gemein­sam­kei­ten zwi­schen den Schwar­zen und den Rech­ten wurde Anfang der 90er bewusst dazu miss­braucht, rechte Ein­flüsse inner­halb der Szene zu etablieren.

Initia­ti­ven wie Gruf­ties gegen Rechts ver­such­ten den Strö­mun­gen Ein­halt zu gebie­ten und durch Auf­klä­rung für eine poli­ti­sche Neu­ori­en­tie­rung zu sor­gen. 2003 wurde die Initia­tive jedoch ein­ge­stellt und hin­ter­ließ eine Lücke der Mei­nungs­lo­sig­keit. Auch ehe­mals enga­gierte fie­len zurück in die Gleich­gül­tig­keit und machen sich mehr durch Äuße­run­gen die wie Wort­ge­webe aus Sinn­lo­sig­keit wir­ken, von sich reden. Von Beschäf­ti­gung mit der Ver­gan­gen­heit und von bewuss­ter Pro­vo­ka­tion ist die Rede, wenn sich uni­for­mierte Musik­pro­jekte mit der Sym­bo­lik und Vers­am­pe­lung von Ton­do­ku­men­ten schmü­cken. In Inter­views gera­ten dabei viele der Musi­ker und Künst­ler in eine, anschei­nend gewollte, Ver­tei­di­gungs­po­si­tion in der sie sich um Scha­dens­be­gren­zung bemü­hen ohne dabei aber wirk­lich Stel­lung zu beziehen.

Akti­vis­mus ist nicht jeder­manns Sache, unpo­li­tisch zu sein ist kein Ver­bre­chen, aber Stel­lung zu bezie­hen und zu zei­gen das man nichts von Faschis­mus hält das min­deste.  Gerade die Gothic Szene, die sich schon seit gerau­mer Zeit durch die stär­ker wer­dende Kom­mer­zia­li­sie­rung ihrer Wur­zeln beraubt fühlt sollte wie­der anfan­gen, den Blick in den eige­nen Tel­ler zu schär­fen und mit­ma­chen, die Suppe wie­der aus­zu­löf­feln. Wer etwas mehr über die Hin­ter­gründe erfah­ren möchte, sollte sind zunächst ein­mal das Werk Die Geis­ter die ich rief… auf der inzwi­schen nicht mehr gepfleg­ten Inter­net­prä­senz der Gruf­ties gegen Rechts umschauen, dort lie­gen die Werke zum Gro­ßen Teil zum nach­le­sen bereit.

Es gilt also Flagge zu zei­gen um das Bewusst­sein inner­halb der Szene wie­der zu schär­fen. Initia­tive zu ergrei­fen und zumin­des­tens ein not­wen­di­ges Maß an Pas­si­vis­mus zu zei­gen scha­det nie­mand und stärkt das eigene Selbst­be­wusst­sein. Ich werde mich im Rah­men mei­ner Mög­lich­kei­ten auch bemü­hen, in die­ser Rich­tung aktiv zu wer­den und die­sen Blog auf für ein wenig  Dar­stel­lung des eige­nen Pas­si­vis­mus zu nutzen.

(Bild­quelle: Gruf­ties gegen Rechts)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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13 Kommentare

  1. Ich will jetzt mal behaup­ten, dass das nicht unbe­dingt ein Pro­blem der Szene ist son­dern ein gene­rel­les Pro­blem zu unse­rer heu­ti­gen Zeit. Viele inter­es­siert Poli­tik ein­fach über­haupt nicht mehr. Viel­leicht weil sie nicht durch­bli­cken, weil sie schon den Unter­richt damals in der Schule lang­wei­lig fan­den. usw usf. Viel­leicht aber auch unpo­li­tisch um nicht in irgend­eine Schub­lade gepackt zu wer­den, in der sie sich bewei­sen müss­ten. Lie­ber raus­hal­ten.
    Das ist so meine Beob­ach­tung, wenn ich so durch die Alters­klas­sen von mei­nem Alter an abwärts schaue. Erfah­rungs­ge­mäß steigt das poli­ti­sche Inter­esse dann im stei­gen­den Alter.

  2. Nun, du hast ja schon per Mail nach­ge­fragt, aber ums auch hier noch­mal zu sagen: Ich selbst beziehe zwar keine poli­ti­sche Posi­tion, meine Ansich­ten schwan­ken abhän­gig vom Thema zwi­schen links und rechts hin und her, aber gegen die radi­ka­len Aus­läu­fer bei­der Gesin­nun­gen hab ich dann doch etwas. Daher mach dich ruhig unter Pro­jekt Schwarz breit mit dei­nem poli­ti­schen Akti­vis­mus inner­halb der Szene, ich kann dir dafür auch einen Info-Bereich anle­gen, denn für wich­tig halte ich die­ses Thema auf alle Fälle.

    Wobei ich sagen muss, dass ich die­ses ver­blö­dete Parolen-Gegröhle Marke »Nazis raus« auch nicht lei­den kann und lei­der scheint doch ein ziem­lich hoher Pro­zent­satz der »poli­tisch Akti­ven« inner­halb der Szene sich genau auf die­sem Niveau zu befin­den. Denn gerade beim Kampf gegen die Rech­ten rut­schen die meis­ten doch gern in das linke Gegen­teil ab — Punk trifft Nazi: Wer wirft den ers­ten Stein?

  3. @Ricarda: Sag doch gleich das ich alt werde :) Nein, aber ernst­haft. Sicher han­delt es sich dabei um ein Gesell­schaft­li­ches Pro­blem. Das »Lie­ber raus­hal­ten« funk­tio­niert natür­lich nur so lange, wie es einen selbst nicht betrifft. Man­che scheuen es auch, aktiv zu wer­den. Aber bie­tet sich das Inter­net nicht an, ein­fach und pro­blems­los sei­nen Teil bei­zu­tra­gen? Und gerade der Gothic Szene wird eine sol­che Ein­stel­lung nach­ge­sagt, raus­hal­ten und nichts tun. Muss man mei­ner Mei­nung auch nicht, aber sagen was man denkt und sich eine Mei­nung bil­den sollte jeder, einige frü­her, aber unbe­dingt spä­ter.
    @Tears: Ich möchte deine Punk trifft Nazi Theo­rie hier unter­strei­chen. Ich kann mich mit rech­ten oder lin­ken Gewalt­ak­tio­nen nicht iden­ti­fi­zie­ren, ebenso mit Pole­mik wie »Nazi raus«. Poli­ti­sche Posi­tion zu bezie­hen liegt auch nicht in mei­ner Natur, aber viel zu oft ver­wech­selt man poli­ti­sche Neu­tra­li­tät mit Mei­nungs­lo­sig­keit. Ich bin gegen jeg­li­che Art von Faschis­mus und das möchte ich auch nach außen hin abstrah­len.
    Ich möchte mit mei­nem Arti­kel nicht errei­chen, das jemand eine poli­ti­sche Stel­lung bezieht, von sowas nehme ich Abstand (sehr gro­ßen Abstand). Ich kann aber Nazis, Faschis­ten und ähnli­ches völ­ki­sches Gelumpe nicht aus­ste­hen. Und das sollte nicht nur meine Mei­nung sein.

  4. Robert, da stimme ich dir natür­lich zu. Mei­nun­gen bil­den, Mei­nun­gen sagen. Das macht für mich einen inter­es­san­ten Men­schen aus, denn nur jemand mit einer Mei­nung hat auch was zu sagen. Die Rea­li­tät sie lei­der oft anders aus. Keine Perspektive/Kein Interesse/Keine Mei­nung. Bzw die vor­herr­schende Mei­nung »Ist doch eh alles scheiße«.
    Und warum man mit dem Alter eher Inter­esse zeigt? Weil man merkt wie abhän­gig das eigene Leben von denen da oben ist. Als Jugend­li­cher ist die höchste Instanz viel­leicht die der Eltern, oder höchs­tens noch die der Schule. Aber spä­ter irgend­wann merkt man, wovon man wirk­lich abhän­gig ist. Und ich denke dar­auf beruht dann das auf­stei­gende Inter­esse. Zumin­dest kann ich es mir so vorstellen ;)

  5. Was »die da oben« angeht muss ich dir wider­spre­chen. Bei mir sinkt das Inter­esse an denen mit jedem Tag den ich älter wer­den bzw. meine Hal­tung wird zuneh­mend »Anti«. Ich bekomme das kot­zen wenn ich mir Mer­kel, Schäu­ble und deren Machen­schaf­ten angu­cke und beim Blick auf die Alter­na­ti­ven dreht sich mir eben­falls der Magen um. »Ist doch eh alles Scheiße« trifft es für mich ganz gut, aller­dings hält mich das nicht davon ab nach dem Spül­kas­ten zu suchen der die­ses ganze Pack in die nächste Klär­an­lage beför­dert. Denn wo willst du dein Kreuz­chen machen damit sich etwas für dich posi­tiv ändert? Bei denen die dich belü­gen, deren Nase sich nach den gro­ßen Kon­zer­nen aus­rich­tet… oder doch eher die, die neu, unver­braucht und inno­va­tiv sind aber abso­lut keine Ahnung vom Regie­ren haben?

  6. @Ricarda: Genau aus den Grün­den enstand ein­mal die Techno-Jugend. Ein­fach nur Spaß haben, ohne zu den­ken, ohne Bot­schaft. Jedoch bedingt das eine auch das andere und bei­des ist ohne das andere nicht lange exis­tent. Wie gut, das es einige uner­schro­ckene gibt, die nicht alles scheiße fin­den und mit ihrer Lebens­freude andere auch noch anste­cken kön­nen. Ob mit dem stei­gen­den Alter die Ein­sicht reift abhän­gig zu sein, steht außer Frage. Ohne Moos nix los, das gilt in allen Lebens­la­gen. Ent­we­der du par­ti­zi­pierst mit dem Sys­tem, lebst von ihm, nutzt es aus oder ver­wei­gerst dich. Mög­lich ist alles. Eine Grund­sätz­li­che Ant­wort gibt es mei­ner Mei­nung nach nicht, das ent­schei­det jeder für sich und nach sei­ner Über­zeu­gung.
    @Tears: Steigt mit dem sin­ken­den Inter­esse an »denen da oben« nicht die Gleich­gül­tig­keit? Hof­fent­lich nicht. Auf die Frage wo du dein Kreuz­chen zu machen hast, kann ich Dir lei­der auch keine gescheite Ant­wort geben — ich wünschte ich könnte es. Ich hoffe nur für uns alle, das du nicht irgend­wann den Kopf in den Sand steckst, das wäre eine große Verschwendung :)

  7. Kopf in den Sand ste­cken ist abso­lut nicht mein Ding. Stum­mer Pro­test im Sinne des Aus­wan­derns schon viel eher. Ich bin mir zwar auch der Tat­sa­che bewusst, dass es über­all »nicht bes­ser« ist, aber in man­chen Län­dern ist es doch »ange­neh­mer gleich scheiße«. Ansons­ten bin ich nach wie vor der Ansicht, man sollte alle Poli­ti­ker in einen Sack ste­cken und im Meer ver­sen­ken, dafür fehlt mir aber lei­der die Armee ;)

  8. Man muss sich ja nicht direkt gegen Faschis­mus ein­set­zen, die Künst­ler soll­ten nur deut­lich machen, ob sie selbst dem Faschis­mus nahe­ste­hen oder bloß pro­vo­zie­ren möchten.

  9. @Christian: Ja, so sehe ich das auch. Kri­ti­scher und auch pro­vo­ka­ti­ver Umgang erlaubt, ohne klare Grund­hal­tung aber ein No-Go.

  10. Die NPD spielt ja auch mit ihren Ansich­ten, eigent­lich ist es ihnen aber sehr ernst.

  11. Die NPD gewinnt dadurch trau­ri­ger­weise auch noch Anhän­ger, nicht viele, aber auch ein paar sind schon zu viel. Die Wege sind viel­fäl­tig, ver­schlun­gen und schon lange nicht mehr offensichtlich.

  12. Ja, des­we­gen: Wenn man es ernst meint, muss man es sagen, und wenn man es nicht ernst meint, muss man es auch sagen.

  13. Das macht nur nie­mand. Bei­spiels­weise auf dem WGT ist von offi­zi­el­ler Seite NICHTS zu hören. Und schwei­gen, wird im Zwei­fels­fall immer als stille Zustim­mung aus­ge­legt. Je nach dem wel­che Rufe lau­ter schal­len. Solange das nicht so ist (und das wird es mei­ner Ansicht nach nie sein) müs­sen wir damit leben das man ent­we­der bei­pflich­tet, Oppo­si­tion ergreift oder auch ein­fach die Klappe hält.

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