15 September

Independent ist tot, zurück zur Independence!

Kategorie: Ansichtssache, Dunkle Klänge — Jahrgang: 20093 Kommentare

Der Begriff Inde­pen­dent1 ist seit Jah­ren nur noch heiße Luft. Dem Hörer soll sug­ge­riert wer­den, dass ent­spre­chende Bands völ­lig unab­hän­gig ihr Ding durch­zie­hen und frei vom Druck der Major­la­bels Musik machen und somit einen inte­gra­len Bestand­teil der Sub­kul­tur bil­den. Viel­leicht war das mal vor 20 Jah­ren so, heute ist Inde­pen­dent fes­ter Bestand­teil der Musik­in­dus­trie. Die ver­hass­ten Major­la­bels grün­den meist selbst eigene Abtei­lun­gen oder Unter­la­bel, die sich dar­auf spe­zia­li­sie­ren eine ent­spre­chende Käu­fer­schicht zu bedienen.

Das sind dann in der Regel die Musik­lieb­ha­ber aus einem sozial sta­bi­len Umfeld die den Wunsch ver­spü­ren zu par­ti­zi­pie­ren, teil­zu­ha­ben am Unter­grund, mit­ten­drin zu sein in einer Szene oder einen beson­de­ren Musik­ge­schmack zu zei­gen. Wie weit deren Rebel­lion dann reicht ist indi­vi­du­ell, die einen emp­fin­den das tra­gen eines Ramo­nes T-Shirts schon als auf­be­geh­ren, andere las­sen sich ein Pier­cing ste­chen um damit seine Mit­men­schen zu scho­cken, die sich aber daran bereits gewöhnt aben.  Viele kön­nen es sich leis­ten regel­mä­ßig Kon­zerte zu besu­chen oder sich die neu­este Scheibe einer Band in das Regal zu stel­len. Sie kau­fen völ­lig über­teu­erte Band-Accessoires wie Taschen, Fah­nen, Tas­sen, Bett­wä­sche und Stifte ohne etwas über die Band zu wis­sen die sie damit zusätz­lich bewerben.

Nur eine kleine Anzahl von Men­schen ist aber bereit hin­ter die Fas­sade des Inde­pen­dent zu schauen, sich Infor­ma­tio­nen zugäng­lich zu machen und Wis­sen auf­zu­bauen um sich dann wirk­lich eine Mei­nung zu bil­den. Das Bedürf­nis zur Rebel­lion wird von der Musik­in­dus­trie ver­mark­tet und das sehr erfolg­reich: Höre Green Day und du bist Punk, kauf Dir die Kla­mot­ten von Oomph! und du bist ein Gothic, decke dich mit ent­spre­chen­dem Zube­hör ein und du wirst ein Teil der Rebel­lion! Ist es nicht erschre­ckend, das der Groß­teil des Gel­des beim Kauf eines Album’s gar nicht dem Künst­ler zu Gute kommt? Weder Bands noch Kon­su­men­ten kön­nen den Begriff »unab­hän­gig« für sich in Anspruch neh­men, ohne zu wis­sen was mit dem Geld geschieht. Das Inter­net bie­tet neue Mög­lich­kei­ten und das auf bei­den Sei­ten. Die Musik­in­dus­trie ver­treibt ihre Künst­ler über große Web­sei­ten, wäh­rend Mail­or­der und kleine Musik­la­bels aus dem Boden schie­ßen. Das klas­si­sche Musik­busi­ness ist schon lange gestor­ben. Es ist immer bil­li­ger gewor­den hoch­wer­tige CD’s zu pro­du­zie­ren, die kleine Labels oder die Künst­ler selbst ver­trei­ben. Die Plat­ten­fir­men haben Schwie­rig­kei­ten ihre maß­los über­teu­er­ten CD’s an den Kun­den zu brin­gen und über­schwem­men den Mark zusätz­lich mit Zube­hör das nie­mand braucht.  Viel­leicht der Weg in eine neue Unabhängigkeit?

Unab­hän­gig, rebel­lisch? Die meis­ten Hörer ach­ten doch zunächst nicht ein­mal auf den Text, son­dern auf die Musik die — sei sie auch noch so hart und aggres­siv — dann eben doch nur noch ein Teil einer mas­sen­kom­pa­ti­blen Bewe­gung gewor­den ist. Es ist natür­lich über­haupt nicht ver­werf­lich diese Musik zu mögen, gut zu fin­den oder dar­auf zu tan­zen — es wäre jedoch falsch die Musik dann mit den Begrif­fen gleich­zu­set­zen, die sie schmü­cken. Inde­pen­det ist eben nicht mehr unab­hän­gig und rebel­lisch son­dern Over­ground. »Auf der einen Seite gibt es da die hoch­en­er­ge­ti­schen Her­ren, die nichts bes­se­res zu tun haben als die ohne­hin schon aus­ge­tre­te­nen Pfade der Kom­mer­zia­li­tät zur Auto­bahn aus­zu­wei­ten — das nennt man Over­ground. Aber wenn oben das Was­ser kocht, muss von unten wohl die Hitze kom­men — das nennt man dann Under­ground.»2

Ver­steht mich nicht falsch, die Musik­in­dus­trie ist nicht pau­schal der Böse. Viele bril­li­ante Künst­ler, tolle Alben und wirk­lich gute Musik ist auf den ver­teu­fel­ten Major’s erschie­nen. Es reicht jedoch nicht nur auf der hei­ßen Was­ser­ober­flä­che zu schwim­men ohne zu wis­sen wo die ganze Hitze her­kommt. Musik besteht nicht nur aus dem was bei Saturn oder Media-Markt in den Rega­len steht son­dern aus unzäh­li­gen künst­le­risch akti­ven, von denen sich eini­gen loh­nen gehört zu werden.

Es ist also über­haupt nicht schlimm auf dem Was­ser zu schwim­men, solange man das tau­chen nicht ver­lernt. Man kann sich also prima auf bei­den Sei­ten bewe­gen, sei es in sei­ner klei­ner »Under­ground«  Szene oder auf dem Main­stream selbst. Keine der Mög­lich­kei­ten ist Garant für gute Musik und kri­ti­sche Texte, aber man sollte seine Mög­lich­kei­ten zu nut­zen sich zu infor­mie­ren um wirk­lich ein­mal Teil einer Rebel­lion zu sein, statt sich nur mit Attri­bu­ten die­ser zu schmü­cken. Und bitte lasst end­lich den Begriff Inde­pen­dent in Frie­den ruhen, er hat es verdient.

Was meint ihr zum Thema Inde­pen­dent? Tot­ge­glaubt, über­schätzt, falsch ver­stan­den? Lasst es raus, ich habe mei­ner völ­lig sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Ansicht bereits einen Platz eingeräumt.

  1. Inde­pen­dent  (engl. »unab­hän­gig«), kurz Indie []
  2. Klaus Farin: Musik & Rebel­lion, Ein Zitat von Omni­com 5–2000, S.109 []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Ansichtssache, Dunkle Klänge
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3 Kommentare

  1. Ich stimme da völ­lig mit dir überein. Der Begriff Indie hat heut­zu­tage ganz klar nichts mehr mit sei­nem Her­kunft zu tun. Er ist zum Aus­hän­ge­schild gewor­den, mit dem sich Geld machen lässt.

    Die Musik­rich­tun­gen mit dem Zusatz Indie haben sich auch ver­selb­stän­digt. Im End­ef­fekt ist der Begriff Indie zum Nach­fol­ger von Alter­na­tive gewor­den, denn das, was unter Alter­na­tive heut­zu­tage läuft, ist zum nor­ma­len Main­stream gewor­den. Wirk­lich alter­na­ti­ves wurde dann — eben weil es oft von unab­hän­gi­gen Bands kam, mit dem Label Indie getaggt, das aber mitt­ler­weile ebenso zum Main­stream wird. Ich bin mal gespannt, was für ein Label sie als nächs­tes finden.

    Was die eigent­li­che Musik hin­ter der irre­füh­ren­den Beschrei­bung angeht: Ich höre gern Bands, die als Indie-Rock, Indie-Pop o.ä. beti­telt wer­den, weil diese Musik mich anspricht und einen rie­si­gen Unter­schied zu den 100% kom­mer­zi­ell aus­ge­rich­te­ten Retor­ten­bands dar­stellt, denen sie lang­sam Charts­plätze strei­tig machen, denn auch wenn viele der Indie-Bands auf Major-Labels ver­öf­fent­li­chen, ver­ges­sen sie ihre Musik hin­ter dem Erfolg nicht ein­fach. Aus­nah­men von der Regel gibt’s natür­lich immer.

  2. Also frü­her fand ich Indie total toll. Dann wurde die Schub­lade jedoch mehr und mehr voll­ge­stopft und gerade auch mit Din­gen, die mir gar­nicht mehr so gut gefie­len. Und so denke ich immer, wenn ich auf einen Flyer gucke, wo Indie zu lesen ist, oh, toll, cool, weil man das noch so drin hat, aber wenn man dann die Band­na­men dar­un­ter gele­sen hat, ist das Thema meist erle­digt.
    Von daher kate­go­ri­siere ich heut­zu­tage eher nach Musik, wel­che gefällt, und wel­cher, die es nicht tut, egal wel­chem Genre sie zuge­rech­net wird.

    Das ist wie mit Gothic und der immer­wäh­ren­den Dis­kus­sion wer nun wie gruf­tig ist, eigent­lich anödent.

  3. Der Achim-Spammer rennt ja über­all rum. Lang­sam wirds Zeit, dass ich mir ne zen­trale Black­liste für Spam­mer anschaffe…

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