20 Januar

Hamburger Studie: Gefährliche Computerspiele?

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 201010 Kommentare

Computerspieler spielen gemeinsamSo jeden­falls erscheint das Resü­mee der Schlag­zei­len zu Ham­bur­ger Stu­die Jugend­li­che und Glücks­spiel die im Auf­trag des SCHULBUS1 erstellt wurde. Im Prin­zip han­delt es sich um zwei Stu­dien, ein­mal über das Phä­no­men der Glücks­spiele (Poker, Geld­spiel­au­to­ma­ten, Sport­wet­ten) wäh­rend sich die zweite Stu­die expli­zit mit dem Thema Com­pu­ter­spiele aus­ein­an­der­setzt. Beide stam­men aus dem Jahr 2009 und wur­den unter rund 1.100 Jugend­li­chen im Alter von 14–18 Jah­ren durch­ge­führt. Ein­lei­tend schauen wir uns die Schlag­zeile ver­schie­de­ner Online-Redaktionen an, durch die ich auf die Stu­die auf­merk­sam gewor­den bin:

Die Welt schreibt in ihrem Arti­kel Stu­die warnt vor Com­pu­ter– und Glücks­spiel: »Die Stu­die lie­fere erst­mals belast­bare Werte und sei eine wich­tige Grund­lage für Eltern und Pädagogen.Die Ergeb­nisse zu der Nut­zung von PC-Spielen bele­gen gän­gige Ein­schät­zun­gen: Rund 75 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, in den ver­gan­ge­nen 30 Tagen ein Com­pu­ter­spiel genutzt zu haben.« In der tat eine höchst bri­sante Tat­sa­che das der Groß­teil der Befrag­ten in den letz­ten 30 Tagen ein Com­pu­ter­spiel benutzt hat.

Spie­gel Online fasst in sei­nem Arti­kel Viele Com­pu­ter­spie­ler haben Pro­bleme in der Schule zusam­men: »Die Hälfte aller Jugend­li­chen spielt gern am Com­pu­ter, vor allem aus Lan­ge­weile. Schu­li­sche Pro­bleme hat jeder zehnte Spie­le­fan, so das Ergeb­nis einer Ham­bur­ger Stu­die. Beson­ders jün­gere Schü­ler kön­nen sich nur schwer von ihrem Spiel tren­nen.«

Stu­dien über Com­pu­ter­spiele schies­sen seit den Amok­läu­fen wie Pilze aus dem Boden, jeder ver­sucht ein Hand­lungs­grund­lage für Gesetze und Ver­bote zu schaf­fen, die Medien grei­fen in der Regel die nega­ti­ven Stu­di­en­aus­schnitte auf und kom­men meist zu dem Schluss: Com­pu­ter­spiele sind gefähr­lich, machen süch­tig und sind schlecht für die Gesund­heit und die schu­li­schen Leis­tun­gen. Die Stu­die zu den Glücks­spie­len las­sen wir mal außer acht und kon­zen­trie­ren uns auf die zweite Stu­die, die sich mit Com­pu­ter­spiele beschäf­tigt (Hier als PDF nach­zu­le­sen).

»Com­pu­ter­spiele spie­len vor allem Jugend­li­che männ­li­chen Geschlechts, eher jün­ge­ren Alters, mit einer erhöh­ten Affi­ni­tät zu Glücks­spie­len und einer erhöh­ten Kosum­be­reit­schaft von Can­na­bis.« Can­na­bis? Obwohl keine Gra­fik die Grund­lage für diese Aus­sage zeigt, steht sie in der Zusam­men­fas­sung. Eigene Inter­pre­ta­tion? Von den rund 1.100 befrag­ten gaben 92% an, schon mal ein Com­pu­ter­spiel gespielt zu haben, 74% sogar inner­halb der letz­ten 30 Tage und 49% spielt mehr­mals die Woche. Skan­da­lös! Wir schrei­ben das Jahr 2010, Com­pu­ter­spiele und Inter­net gehö­ren zum All­tag der Jugend­li­chen und sind dar­aus nicht mehr weg­zu­den­ken. Irgend­wie logisch das die meis­ten damit regel­mä­ßig Berüh­rung haben.

»Com­pu­ter­spiel als Mit­tel gegen Lan­ge­weile ist für alle Nut­zer über alle Sub­grup­pen hin­weg das zen­trale Spiel­mo­tiv.« Ist was falsch an Lan­ge­weile? Schon die Römer habe Spiele erfun­den um sich die Zeit zu ver­trei­ben. Ebenso wer­den der Neid ande­rer, das »Mitreden-Können« sowie die Mög­lich­keit ohne Fol­gen gewal­tä­tig zu sein als Motive genannt. Die jugend­li­che Welt dreht sich eben um Neid, Mit­re­den und das mes­sen mit ande­ren. Ledig­lich der Grund der vir­tu­el­len Gewalt ist zunächst kri­tisch zu betrach­ten, doch bes­ser vir­tu­ell als in Rea­li­tät. Meine Mei­nung am Rande: Vie­len Jugend­li­chen fehlt der kör­per­li­che Aus­gleich in Form von Bewe­gung und Sport um sich mit ande­ren zu mes­sen, sich zu ver­aus­ga­ben, zu kämp­fen. Frü­her haben wir uns »gerauft« um Span­nun­gen abzubauen.

Eine Gruppe RollenspielerDie Stu­die schließt mit den nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen des Com­pu­ter­spiels: »5% der Jugend­li­chen geben an, dass sie auf­grund ihres Spiel­ver­hal­tens Pro­bleme in der Schule haben und ihre Schul­leis­tun­gen dar­un­ter lei­den. 4% geben an, unter Unru­he­zu­stän­den und Ner­vo­si­tät zu lei­den wenn sich nicht spie­len kön­nen.« In der Tat, das ist schlecht. Aber gemes­sen am Umfang der Stu­die ein gerin­ger Anteil von Jugend­li­chen die unter die­sen Pro­ble­men lei­den. Hätte man die Stu­die vor 30 Jah­ren in ähnli­cher Weise erho­ben, wären sicher­lich ähnli­chen Zah­len her­aus­ge­kom­men, ledig­lich die Gründe wären andere gewesen.

Ins­ge­samt zeigt die Stu­die nur eins: Der Umgang mit Com­pu­ter­spie­len ist ein völ­lig nor­ma­ler Teil der jugend­li­chen Welt von heute. Sucht­po­ten­tial haben aber nicht nur Com­pu­ter­spiele, son­dern auch Alko­hol und Dro­gen. Jede Form von Abhän­gig­keit lässt sich im Vor­feld mini­mie­ren, durch Infor­ma­tion (nicht Beleh­rung) und alter­na­tive, zeit­ge­mäße Ange­bote. Ein Teil von Jugend­li­chen wird immer latent für Süchte aller Art sein, eine sub­jek­tive Stei­ge­rung kann ich jeden­falls nicht erken­nen, nur ein Ver­la­ge­rung. Mei­ner Mei­nung nach liegt die Gefahr im unkon­trol­lier­ten und unre­flek­tier­ten Umgang mit die­sen Mög­lich­kei­ten der Frei­zeit­be­schäf­ti­gung. Die gesunde Mischung macht’s.

Und vor allem: Was ist mit den posi­ti­ven Aspek­ten von Com­pu­ter­spie­len? Wie wäre es mit einer Stu­die dar­über? Ich kenne einige Jugend­li­che, die sich durch Com­pu­ter­spiele für ganz neue Inter­es­sen­ge­biete begeis­tern kön­nen. Rol­len­spie­ler, die den Bild­schirm gegen Gewan­dung und Rüs­tung ein­tau­schen, Tabletop-Spieler die in lie­be­volle Klein­ar­beit und mit geschick­ter Hand Schlacht­fel­der auf­bauen, Jugend­li­che die sich für das Mit­tel­al­ter und Geschichte erwärmen.

(Bild­quel­len: Joa­chim S. Müller/flickr.com | Bif­ford the Youngest/flickr.com)
  1. Schü­ler– und Leh­rer­be­fra­gung zum Umgang mit Sucht­mit­teln []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Ansichtssache
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10 Kommentare

  1. Sün­den­bö­cke hat es schon immer gege­ben und es wird sie auch immer geben(leider).
    Da es natür­lich für Poli­ti­ker, Medi­en­schaf­fende etc. ein­fa­cher ist zu sagen Com­pu­ter­spiele etc. sind schuld wird das gemacht.
    Die Gründe im eige­nen Sys­tem oder gar der Erzie­hung zu suchen erscheint mir auch unglaub­lich lächer­lich…
    Grüße und wei­ter so

    Chris das Rehkitz

  2. Danke für dei­nen Kom­men­tar. Lei­der sind eben diese Sün­den­bö­cke aber brei­ter in den Medien ver­tre­ten als je zuvor. Flatrate-Saufen ist schließ­lich auch keine Phä­no­men von heute, es ist nur präsenter.

  3. Was mich so ärgert an den Medien das Sel­bige sich meist nur das Negative/Extreme her­aus­pi­cken und weder die Pros & Cons zur Spra­che brin­gen ebenso vie­les ein­fach weg­las­sen … so pas­siert es eben das Com­pu­ter, Inter­net und Co. ver­flucht wer­den von Men­schen die sich lei­der nur auf die Medien ver­las­sen und nicht selbst den­ken oder ver­su­chen zu ver­ste­hen … und lei­der ist das die »breite Masse«.

  4. Natür­lich gibt es immer pros und con­tras aber ich muss auch eher sagen, dass ich kein gro­ßer Fan von Com­pu­ter­spie­len für Kin­der und junge Jugend­li­che bin. Wie du schon sag­test gibt es auch viele posi­tive Aspekte, aber eben auch die nega­ti­ven — wie mal stark über­trie­ben soz. Iso­la­tion und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­ar­mung, moto­ri­sche Schwä­chen etc.
    Ich glaube hier würde es gel­ten das rich­tige Maß zu fin­den, wie bei so vie­lem. Das ist wie mit dem Klaps auf den Po. Der hat noch kei­nem geschadet.

  5. Wel­chen Beruf muss man ler­nen, damit man unsin­nige Stu­dien mit frei wähl­ba­rem Resul­tat durch­füh­ren und sich anschlie­ßend ein frei erfun­de­nes Fazit aus den Fin­gern darf? Dafür dann auch noch Geld bekom­men? Klasse Sache, will ich auch machen.
    Als ers­tes werde ich bele­gen, dass alle Män­ner Schweine sind. Ich werde 1.100 Män­ner von einer Klippe wer­fen und anschlie­ßend 1.100 Schweine. Da beide unten auf­schla­gen hab ich bewie­sen: Män­ner = Schweine

    Dann beweise ich noch eben, dass Otto Wal­kes eigent­lich die Reinkar­na­tion von Jesus ist. Glaubt mir, es ist wirk­lich so! Meine Stu­die mit 1.100 über drei Monate gefol­ter­ten Teil­neh­mern wird es bestä­ti­gen. Wenn nicht, dann ziehe ich trotz­dem das Fazit das ich möchte, auch wenn es unlo­gisch ist.

  6. @Moonica: Das Maß aller Dinge funk­tio­niert eben in allen Lebens­be­rei­chen. Ich habe nie etwas gegen Com­pu­ter­spiele gehabt (wahr­schein­lich durch mei­nen Fak­tor des Geschlechts) und finde, das es zu unse­rer heu­ti­gen Zeit nicht mehr weg­zu­den­ken ist. Umge­hen statt Ertra­gen, Inter­es­sie­ren statt Akzep­tie­ren sind hier meine Devisen.

    @stoffel: Dafür gibt es ja das Inter­net und die vie­len Blogs, Sei­ten und Pro­jekt die sich mit wirk­li­chen Fak­ten schmü­cken. Nach­rich­ten baut man sich heute im Fee­dre­a­der zusam­men, eine Zeit­schrift kann den Blick in die Welt versperren :)

    @Thomas: Medium? Wahr­sa­ge­rin? Ich fürchte für die­ses Berufs­bild bist du Über­qua­li­fi­ziert, sorry. Und wenn Otto Waal­kes Jesus ist, dann war die Zeit des Chris­tums wohl doch nicht so düs­ter wie die Kir­che es uns mit ihrem gro­ßen Roman glau­ben machen will.

  7. Naja aller­dings sind die Online-Medien wie Du oben zitiert hast auch nicht das Gelbe vom Ei.

  8. Gut, das mag stim­men. Aber je schlech­ter das Medium, desto grö­ßer der Ver­brei­tungs­grad — unter­stelle ich jetzt mal. Für das Gelbe vom Ei ist doch jeder für sich ver­ant­wort­lich, oder?

  9. Stimmt … aber wie fil­tere ich am Bes­ten, wenn schon die »alt­ein­ges­se­nen« Medien sich das her­aus­pi­cken was mehr Schlag­zeile bringt und nicht alle Fak­ten darstellen?

  10. Ja, das ist in der Tat ein Pro­blem. Mitt­ler­weile kau­fen viele Online-Medien ihre Nach­rich­ten ein und publi­zie­ren dies unge­prüft. Ich gehe da fol­gen­der­ma­ßen vor: Nach­rich­ten, die von all­ge­mei­nen Inter­esse sind lese ich nur, Mel­dun­gen oder auch Bei­träge zu Theme für die ich mich inter­es­siere prüfe ich auf Rele­vanz, gucke also nach, ob auch andere dar­über berich­ten und wie. Irgend­wann bekommt man ein eige­nes Gefühl dafür was gute und was schlechte Nach­rich­ten sind.

    Solange das Bewusst­sein die unge­prüf­ten Nach­rich­ten nicht zur Mei­nung zu machen da ist, finde ich es ok deren Inhalt als Infor­ma­tion hin­zu­neh­men. Aus einer Mel­dung, einer Nach­richt oder einem Arti­kel eine Mei­nung zu machen ohne diese selbst zu prü­fen und mit andere zu ver­glei­chen ist verwerflich.

    Bei den Mel­dun­gen zu die­sem Bei­trag bin ich dann auch so vor­ge­gan­gen. Ich habe alle Mel­dun­gen dazu geprüft und mir dann die Quelle zu Gemüte geführt um zu prü­fen, wie­viel Fak­ten darin ent­hal­ten sind und wel­che Schluss­fol­ge­run­gen der Autor zieht (wenn über­haupt). Dar­über bilde ich mir dann meine Meinung.

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