30 Juni
Gute Freunde kann niemand trennen
Das man auch an materielle Dinge sein Herz hängen kann, weiß ich nicht erst seit heute. Es gibt manche Sachen die nehmen einen ganz besonderen Platz im Leben ein, sowie beispielsweise das erste Auto. Als ich 18 wurde, schenkte mein Vater mir den Führerschein, oder besser gesagt das Geld diesen zu machen, für mein erstes Auto habe ich einen Sparvertrag aufgelöst. Ein dunkelblauer VW Derby mit 55 PS war nicht nur eine Entscheidung des Herzens, sondern auch eine Entscheidung der Vernunft. Was habe ich mein Auto geliebt, dieses neu erworbene Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Entfernte Orte rückten in erreichbare Nähe, ein Ausflug nach Düsseldorf oder Köln endete nicht in einer Fahrplanabhängigen Bundesbahntortur1. Ich habe es geputzt und gepflegt, verschönert und repariert, über 150.000km sind wir zusammen gefahren, in diesem Auto hatte ich meinen ersten KFZ-Sex (das habe ich dem Käufer natürlich nicht auf die Nase gebunden, denn ich war zwar geschützt, aber mein Auto nicht). So etwas schweißt zusammen, auch wenn es nur ein Gegenstand ist.
Ganz ähnlich ging es mir die letzte Woche mit meinen Alltags-Vans. Vans, da ist so eine Skater-Schuhmarke aus den USA und obwohl ich mich — dank fehlender körperlicher Koordination — nie länger als 10 30 Sekunden auf einem Skateboard halten konnte, fand ich diese Schuhe schön. Das Schwarz-Weiße Karomuster harmoniert bestens zu allen Gelegenheiten, vor allem zu meinen vorwiegend schwarzen Klamotten, so habe ich Mitte 2006 ein Auge auf diese Paar Vans geworfen, konnte mich aber zu einem Kauf nicht durchringen. Nikolaus 2006 hat sich dann meine Herzallerliebste selbiges gefasst und mir die Schuhe zum Nikolausfest geschenkt. So lernten wir uns kennen, meine Vans und ich.
Am Anfang waren sie alles andere als bequem, das rein– und rausschlüpfen erforderte Fingerspitzengefühl und eine Prise Durchsetzungsvermögen, doch lange konnten sich die Schuhe nicht gegen meine Füße wehren, schnell stellte sich das typische eingelatschte Gefühl ein. Neue Vans sehen im übrigen auch Scheiße aus, nur eingelatschte Vans sind echte Vans. Jetzt, etwa 2,5 Jahre später habe meine Schuhe rein funktionell das zeitliche gesegnet. Die Schnürsenkel sind geflickt, die Sohle ist lose und undicht und vorne lösen sich die Nähte in Wohlgefallen auf. Nach meinen letzten nassen Füssen vor ein paar Tagen stand dann der Entschluss fest, die Vans mussten in den Müll.
Doch von guten Freunden trennt man sich nicht so leicht, Dinge die einem an das Herz gewachsen sind möchte man nicht einfach wegschmeißen. Immer noch stehen die Schuhe brav im Flur und schauen mich manchmal mit traurigen Schnürsenkelösen an als würden sie darauf warten wieder getragen zu werden. Ich werde sie aber wegschmeißen, echt jetzt und so widme ich meinen Schuhen diesen Artikel, ein Nachruf an ein paar Vans sozusagen, denn Nachrufe auf Michael Jackson gibt es schon genug.
- Die Deutsche Bahn hieß bis zum 1. Januar 1994 Bundesbahn und gehörte dem Staat [↩]
Veröffentlicht von Robert
Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch
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Kategorie: Ansichtssache
Schlagwort: Nachruf, Schuhe, Vans

