17 Februar

Fanzines - Tod und Reinkarnation

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 2009Keine Kommentare

journalismusDer Jour­na­list ist ein eli­tä­rer Beruf. Junge Men­schen besu­chen Uni­ver­si­tä­ten und ler­nen, wie sie über Pro­dukte, Erfah­run­gen, Kriege, Kata­stro­phen, Men­schen und Geschich­ten zu berich­ten haben. Objek­ti­vi­tät und Neu­tra­li­tät wird ver­mit­telt, ebenso wie Recher­che, Recht­schrei­bung und Grammatik.

Ich weiß gar nicht genau, wann einige der jun­gen Jour­na­lis­tik­stu­den­ten umkip­pen und sich als Mei­nungs­ma­cher, Vor­ur­teil­ser­fin­der oder Kli­schee­aus­den­ker spe­zia­li­sie­ren und die Pfade des auf­rech­ten Jour­na­lis­mus ver­las­sen. Irgend­wann ist es jeden­falls soweit, sie bewer­ben sich als Nach­wuchs gro­ßer Nach­rich­ten­agen­tu­ren und Ver­lage, die Infor­ma­tion nicht als All­ge­mein­gut betrach­ten, son­dern als Pro­dukt das sie ver­kau­fen. Pro­dukte wie Maga­zine und Musik­zeit­schrif­ten, die einen Zeit­geist vor­le­ben und dabei Musik und Trends ver­kau­fen, die ihnen die Anzei­gen der Indus­trie sug­ge­rie­ren. Doch genug davon, nach­her wird mir noch der Hang zur Pole­mik vorgeworfen.

Es hat mich aber nie gewun­dert, das sich die Jugend neue Wege sucht über das zu Berich­ten was sie erle­ben und das zu beschrei­ben was sie gut fin­den, ohne dabei zen­siert oder fil­triert zu wer­den. Im Laufe der 70er ent­wi­ckel­ten sich so die Fan­zines. Wäh­rend die ers­ten Zeit­schrif­ten eher Werke der klas­si­schen Cut & Paste1 Kul­tur waren, gewann sie durch die Punk-Kultur immer mehr an Bedeu­tung und waren Mit­tel der Jugend, ihre Mei­nung und Ansich­ten inner­halb der Sub­kul­tur zu verbreiten.

In den 80ern waren Fan­zines das zen­trale Medium einer Viel­zahl von Sub­kul­tu­ren, sie boten den Sze­ne­gän­gern Infor­ma­tio­nen aus ers­ter Hand und Neu­ig­kei­ten, die sie sonst erst viel spä­ter erfah­ren hät­ten. Ver­an­stal­tun­gen, Par­tys und Tref­fen wur­den teil­weise nur durch diese Maga­zine bekannt gemacht. Sie waren Teil eines Zuge­hö­rig­keits­ge­fühls, denn sie sag­ten den Jugend­li­chen »He, du bist nicht allein.« Einige Underground-Bands gewan­nen allein durch die Fan­zines an Bekannt­heit, der Slo­gan »Für die Szene, aus der Szene.« wurde zum Leit­satz einer gan­zen Generation.

Als das Inter­net Anfang der 90er Jahre sei­nen Sie­ges­zug antrat, sorg­ten sich viele Her­aus­ge­ber um die Zukunft ihres Medi­ums und pro­kla­mier­ten vor­zei­tig das Ende und den Tod der Fan­zine Kul­tur2 Obwohl es schon immer ein hohe Fluk­tua­tion von erschei­nen­den und ein­ge­stel­len Fan­zines gab, soll­ten die Kri­ti­ker recht behal­ten. Das klas­si­sche Print­me­dium war dem Tode geweiht. Die Idee jedoch ist nie gestor­ben, son­dern hat sich nur die neuen Medien zu nutze gemacht, so ist zeit­gleich ein rapide Ver­meh­rung von E-Zines3 zu ver­zeich­nen. Nach dem Tod durch das Netz nun die Reinkar­na­tion durch den Tod­brin­ger selbst.

Durch die Erwei­te­rung der Mög­lich­kei­ten im Inter­net bekom­men die Her­aus­ge­ber sol­cher Maga­zine ein mäch­ti­ges Werk­zeug an die Hand ihre Gedan­ken und Mei­nun­gen einer viel brei­te­ren Masse zugäng­lich zu machen. Jugend­li­cher Nach­wuchs hat durch das Web 2.0 die Mög­lich­keit mit weni­gen Maus­klicks selbst zum Publi­zist zu avan­cie­ren. Phan­ta­sie und Krea­ti­vi­tät wer­den keine Gren­zen gesetzt. Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch Schat­ten­sei­ten. So ist gerade die Qua­li­tät sol­cher Maga­zine und Arti­kel frag­lich und es wird immer schwe­rer die Spreu vom Wei­zen zu tren­nen. User Gene­ra­ted Con­tent ist zum Mar­ke­ting­in­stru­ment gewor­den und viele Fir­men nut­zen gezielt das ver­wi­schen von Gren­zen zwi­schen  infor­ma­ti­ven Arti­keln und Ver­mark­tung und plat­zie­ren geschickt ver­packte Wer­bung für die Jugend­li­chen Fanzineanhänger.

Glück­li­cher­weise ist der Sze­ne­gän­ger mit der Zeit gegan­gen und ver­mag es, die für sich rele­van­ten Arti­kel und Ver­öf­fent­li­chun­gen zu son­die­ren. Es bleibt aber für mich unbe­strit­ten, das die aktu­elle Ent­wick­lung der Fan­zine­szene und ihrer Sym­biose mit der Netz­kul­tur posi­tiv zu sehen ist. Kei­nes der alten Medien ist ganz gestor­ben und lebt mitt­ler­weile in fried­li­cher Koexis­tenz mit den neuen For­men der Ver­brei­tung. Nach wie vor gibt es Print-Zines, die eine ent­spre­chende Inter­net­seite für die Ver­brei­tung ihrer Werke nut­zen und aus­ge­wählte Arti­kel auch Online anbie­ten. Andere Maga­zine wer­den im PDF For­mat unter den Lesern ver­teilt oder als Pod­cast auf Sen­dung gebracht. Dahin­ter ste­hen meist eine ganze Reihe von Leu­ten, die als Gemein­schaft zusam­men­ar­bei­ten und sich Hier­achie­los orga­ni­sie­ren. Doch was ist mit all den ein­zel­nen, den Indi­vi­dua­lis­ten und den Eigenbrödlern?

Hier kom­men die Web­logs ins Spiel, die häu­fig als Ego-Zine4 betrie­ben wer­den aber auch durch­aus Maga­zin Cha­rak­ter haben kön­nen. Die Erschei­nungs­häu­fig­keit spielt dabei für mich per­sön­lich eine unter­ge­ord­nete Rolle, son­dern viel­mehr die Qua­li­tät der Bei­träge, wobei die Kri­te­rien für Qua­li­tät nur mei­nen eige­nen Maß­stä­ben unterliegen.

Unab­hän­gige und unkom­mer­zi­elle Bericht­er­stat­tung liegt in den Hän­den vie­ler Publi­zis­ten und sollte nicht allein den Jour­na­lis­ten über­las­sen wer­den, die sich viel zu oft nicht mehr für diese Werte ein­set­zen. Doch auch die Schrei­ber der unzäh­li­gen Arti­kel und Berichte sollte sich auf jour­na­lis­ti­sche Grund­werte ein­las­sen und zumin­dest eine eigene Mei­nung äußern, das Erlebte mög­lichst sach­lich und aus sei­ner Sicht schil­dern, sowie ihre Glaub­haf­tig­keit mit Recher­che wür­zen. Das dabei Wort­witz, Kri­tik und Krea­ti­vi­tät nicht zu kurz kom­men müs­sen zei­gen all die vie­len Fan­zines, die immer noch, oder immer wie­der erschei­nen. Auch ich lese noch das gedruckte Wort und schätze Fan­zines in mehr­fa­cher Hin­sicht, gerade beim Stuhl­gang.

Inter­es­sier­ten zum Thema sei der Fan­zine Index ans Herz gelegt, der viele aktu­ell erschei­nende Werke lis­tet. Ein Archiv für alte Fan­zines und damit Fund­grube für die Ver­gan­gen­heit ist das Archiv der Jugend­kul­tu­ren, das Euro­pas größte Fanzine-Sammlung in sei­ner Biblio­thek unter­bringt. Auch Google lie­fert unter dem Such­be­griff »Fan­zine« eine Viel­zahl von Magazinen.

  1. Cut & Paste steht für Aus­schnei­den und Ein­kle­ben und bezeich­net die Methode mit Schere und Kle­ber []
  2. Chris­tian Schmidt, Im Copy­shop mit mei­nem Lap­top, Jour­nal der Jugend­kul­tu­ren No. 12, S. 72 []
  3. E-Zines, die auch Web­zi­nes genannt wer­den sind Inter­net­por­tale im Stil eines klas­si­schen Maga­zins nur in rein elek­tro­ni­scher Form. []
  4. Ein Ego­zine wird meist nur von einer Per­son her­aus­ge­bracht. Die Inhalte der Ego­zi­nes sind meist auf ein The­men­ge­biet kon­zen­triert, wobei die­ses von Rezen­si­ons­samm­lun­gen bis hin zu Sauf– und Rei­se­be­rich­ten alles beinhal­ten kann. []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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