8 Mai

Die Qual der Wahl

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang 2010

Schon wie­der wäh­len gehen? Ein schö­ner Sams­tag, so schön dass ich den Wunsch einen klei­nen Ein­kaufs­bum­mel zu ver­su­chen in die Tat umge­setzt habe. Natür­lich war ich mir der Tat­sa­che bewusst, das es wohl voll wer­den würde. Schließ­lich steht die Land­tags­wahl vor der Tür und außer­dem spielt der hei­mi­sche Fuß­ball­ver­ein auf eige­nem Rasen. Auf hal­bem Weg dann ver­wun­derte mich ein mas­si­ves Poli­zei­auf­ge­bot um den Stand einer Par­tei herum, das sich aus der Ent­fer­nung durch laut­star­kes Pfei­fen und Grö­len einer anwe­sen­den Men­schen­schar bemerk­bar machte.

Ein ver­rück­tes Bild. Da musste der mit rund 10 Per­so­nen besetzte Stand von viel­leicht 80 Poli­zis­ten vor rund 120 auf­ge­brach­ten Men­schen „beschützt” wer­den. Über­all film­ten Kame­ras das Gesche­hen. Die Par­tei Pro-NRW filmt mit 3 Kame­ras die gegen sie auf­ge­brach­ten Men­schen, die eben­falls mit 4 Kame­ras zurück­film­ten. Mit­ten­drin dann die Poli­zei, die eben­falls mit 2 Kame­ras filmte. Der Über­wa­chungs­staat färbt auf seine Bür­ger ab, irgend­wie Para­dox. Immer­hin konnte man von den wahr­schein­lich lächer­li­chen Paro­len der Par­tei Pro-NRW nichts hören. Das ist auch bes­ser so, sonst hätte sich wohl­mög­lich jemand dazu ver­lei­ten las­sen kön­nen sich durch Men­schen und Poli­zei­ab­sper­rung zu drän­gen um eines der Flug­blät­ter zu ergat­tern. Ruhige Minu­ten zwi­schen den Rufen auf­ge­brach­ter Bür­ger nutzte ich scham­los aus um mich selbst mit Pfif­fen an der Grup­pen­dy­na­mik zu beteiligen.

Und dazwi­schen immer wie­der Pas­san­ten, die von dem gan­zen Gesche­hen nichts wis­sen woll­ten und der Sache lie­ber mit gesenk­tem Blick aus dem Weg gin­gen. Ein jun­ges Paar kreuzte mein Sicht­feld, bei denen ich im vor­bei­ge­hen „Müs­sen wir schon wie­der wäh­len gehen?” auf­schnap­pen konnte.  Ja, ihr müsst. Sonst bringt die ganze Demo­kra­tie nichts. Wen ihr wählt, müsst ihr ent­schei­den. Ihr seid unpo­li­tisch und habt kei­nen Bock zu wäh­len? Gut, dann meckert aber spä­ter nicht rum was euch alles nicht gefällt an die­sem (Bundes-)Land. Nutzt die Zeit die ihr bis mor­gen noch habt und beschäf­tigt euch mit der Land­tags­wahl in NRW mit den Kan­di­da­ten und den Pro­gram­men, jeder hat doch etwas, was ihn beson­ders stört oder inter­es­siert. Unpo­li­tisch heißt nicht, den Kopf in den Sand zu ste­cken und abzu­war­ten was passiert.

(Bild­quelle: André Wal­ter via flickr.com)

4 Kommentare

  1. 9 kame­ras ist nicht schlecht — und wäh­len gehen sollte eh mal pflicht werden!

  2. Jau, das braucht die­ses Land. Dar­auf hat man gewar­tet. Noch eine lokale Grab­bel­gruppe von Hob­by­po­le­mi­kern und Ego­ma­nen mehr, die Poli­tik für eine hei­tere Wer­be­pause hal­ten. Wer hätte gedacht, dass ich wirk­lich ein­mal froh bin, nicht mehr in NRW zu leben. Wobei ich deren Grün­dung eigent­lich noch hätte mit­er­le­ben müs­sen. Aber wahr­schein­lich trau­ten die sich nicht mit Fly­ern auf den Campus.

    Doch solang es Deutsch­land nicht schafft von jeder Par­tei die ver­se­hent­lich ver­nünf­ti­gen und wirk­sa­men For­de­run­gen auf­zu­grei­fen und diese für den rest­li­chen ver­zapf­ten Blöd­sinn zu ohr­fei­gen, solange wird es noch Gehör für sol­che Par­teien und sol­che Stände geben. Und vor allem sol­che Kame­ra­auf­ge­bote geben. 9 Kameras…derartig viele Sucher besit­zen nicht ein­mal so man­che Bahn­höfe.
    Allerdings…aller berech­tig­ter Läs­te­rei und Anti­pa­thie zum Trotz, aber ich hätte eben­falls keine Lust auf isla­mi­sche Fei­er­tage im Kalen­der. Denn Europa unter­liegt nun ein­mal dem christ­li­chen Getue und das ist mehr als genug. Ich hätte zumin­dest keine Lust hier irgend­wann fünf­mal am Tag von einem unver­ständ­li­chen Schrei­hals genervt zu wer­den, der von dem Mina­rett von nebenan her­un­ter­plärrt. Denn wenn dann im Hin­ter­grund dazu noch die evan­ge­li­schen wie katho­li­schen Kir­chen­glo­cken um die Vor­her­schafft zur Ruhe­stö­rung anbim­meln, dann würde man dar­aus noch immer nicht die Hymne zur Völ­ker­ver­stän­di­gung oder Reli­gi­ons­gleich­heit her­aus­hö­ren. Son­dern ein­fach nur den Lärm unnö­ti­ger Selbstbehauptung.

    Wäh­len gehen zur Pflicht? Am bes­ten noch mit Akte­no­tiz bei jedem, der nicht ging…ich glaube, diese Zei­ten sind zu Recht vor­bei. Zudem bin ich froh, dass so man­cher Clown, des­sen Intel­li­genz­quo­ti­ent gerade noch dafür aus­reichte um 18 Jahre lang nicht vor das Auto zu lau­fen [O-Ton Vol­ker Pies­pers], von den Wahl­ka­bi­nen fern­bleibt. Ich würde eher sagen, dass das Recht zum Kreuz­chen­ma­chen mit einem gewis­sen Eig­nungs­test ver­bun­den sein sollte. Ich gehe eh nicht mehr wäh­len, weil ich meine, dass ich mit mei­ner Stimme etwas ver­än­dere. Wie auch, wenn der Rest Deutsch­lands fast aus­schließ­lich die ande­ren Hohl­pfei­fen anbe­tet. Der ein­zige Grund wes­halb ich mein Ein­la­dungs­kärt­chen ein­löse ist, damit ich mich dann zu Recht und tra­di­ti­ons­ge­mäß über das Wahl­er­geb­nis auf­re­gen kann und am poli­ti­schen Kaba­rett noch mei­nen Spaß haben darf.

  3. Jo, zur Wahl gehen zu dür­fen sollte jedem ein Pri­vi­leg sein! Als ich 18 wurde und wäh­len durfte, habe ich mich echt dar­über gefreut. Inzwi­schen freue mich nicht mehr dar­über, aber ich mag das Gefühl, daß ich im Zwei­fels­fall den Par­teien, die ich gar nicht mag/verstehe, eine Stimme weg­nehme.
    Ich ver­mute mal, der Kamera-Overkill hängt auch damit zusam­men, daß mit Gewalt gerech­net wird (wer­den muß?). Dient letzt­end­lich der Beweiß­fest­stel­lung. Trau­rig, aber viel­leicht notwendig.

  4. @Guldhan: Isla­mi­sche Fei­er­tage habe auch nichts auf unse­rem Kalen­der ver­lo­ren, soweit stimme ich Dir zu. Wenn du aber auf Pro-NRW ansprichst ist das nur der äußere Schein, denn die grei­fen eben diese Paro­len auf und ver­klei­den sie unter poli­ti­schem Geplän­kel um letzt­end­lich doch ihr ver­korks­tes Gedan­ken­gut unter die Leute zu brin­gen.
    Aber du sagst es: Ver­bote brin­gen nichts. Eher ein mün­di­ger Bür­ger. Doch lei­der wird es immer dumme Men­schen geben, bleibt zu hof­fen dass es mög­lichst wenige blei­ben. Rein poli­tisch habe ich mir meine Mei­nung gebil­det und ja, viel­leicht gehe ich auch ein Stück weit nur zur Wahl um mich berech­tig­ter­weise über das Ergeb­nis auf­zu­re­gen, viel­leicht aber auch weil ich mit mei­ner Stimme mei­nen Inter­es­sen Gehör ver­schaf­fen kann, auch wenn die Ohren meist taub zu sein scheinen.

    @Vizioon: Sicher­lich, trau­ri­ger­weise not­wen­dig. Knüppel-Attacken übereif­ri­ger Poli­zis­ten oder blinde Zer­stö­rungs­wut ver­mumm­ter Idio­ten sei Dank. Viel­leicht kann man es auch so sehen: Der Bür­ger wehrt sich mit den Mit­teln des Staa­tes. Der Arti­kel oben stellt ja nur eine Seite der Medaille dar.

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