23 Oktober

Die Flucht in den Konsum

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 20092 Kommentare

alkoholverbot mönchengladbachEs gibt Tage, die bleiben einem einfach in Erinnerung, sei es nun in guter oder schlechter, manchmal lässt sich das einfach nicht vermeiden. Wenn ein Tag so voller kleiner Anekdoten steckt, das er schon bald droht davor überzulaufen, ist es an der Zeit für einen kleinen Tagebucheintrag wie diesen, dann muss sich einfach mal "freischreiben".

Der Samstag stand auch bei uns im Zeichen des Fußballs, denn heute spielten Mönchengladbach und Köln in Mönchengladbach. Das ist immer so eine Sache, denn das Lokalderby gilt als eines der brisantesten in der Bundesliga. Nicht wegen der Mannschaften und ihrer Qualität, sondern wegen der Fans und solchen, die es ein möchten. Immer wieder gab es heftige Ausschreitungen, mal in Köln, mal in Mönchengladbach. Jetzt hat es offenbar gereicht, denn der Oberbürgermeister Norbert Bude hat kurzerhand 142 Straßen zur Alkoholfreien Zone erklärt. Kein Genuss von Alkohol, kein Verkauf von Alkohol, kein mitführen von Alkohol. Über 1000 Polizisten sollen für die Einhaltung sorgen und so Ausschreitungen verhindern.

Grund genug die Flucht zu ergreifen. Für uns jedenfalls. Und wohin? Nach Köln, denn da kann heute ganz ungestört shoppen, habe ich gehört. Offensichtlich waren wir nicht die einzigen mit dieser brillianten Idee, denn der Bürgersteig die Schildergasse drohte an den Menschenmassen zu ersticken. Trotzdem haben wir ein ganz neues Einkaufskonzept getestet: Aussuchen, Anprobieren aber noch nicht kaufen, damit man(n) die Tüten nicht noch durch die ganze Stadt schleppen muss. Angst davor das die Sachen dann weg sein könnten, oder der Laden zu sein könnte? Pah! Nicht mit uns.

So haben wir uns dann durch unzähligen Konsumtempel gekämpft um etwas ansprechendes zu entdecken. Unsere Route Hohe Strasse - Schildergasse - Neumarkt - Mittelstraße - Ehrenstraße und am Kölner Ring wieder umkehren. Natürlich nicht ohne eine von diese scharfen Currywürsten von Currywurstforever.  Schärfegrad Twilight Zone, 250.000 von diesen Schärfegraden, da kenne ich nichts. Während ich noch mit den Tränen und den Schweißperlen kämpfe, entern 3 junge Menschen den Laden. "Eh, tust du mir eine Cur­ry­wurst, aber Stufe 6!« — »Wir haben nur 5 Stu­fen und dazu müsste ich ihren Aus­weis sehen damit ich weiß dass sie voll­jäh­rig sind.« »Eh, wie seh” ich aus? Seh ich aus wie Pussy?« — Offen­bar kratze das am Ego des Pati­en­ten. »Möch­ten sie viel­leicht nicht erst eine weni­ger scharfe Wurst pro­bie­ren?« fragte die besorgte Ange­stellte. »Quatsch Eh!« Obwohl sie schon sicht­lich genervt aus­sieht mahnt sie ein­dring­lich: »Damit ist nicht zu spa­ßen, man­che ver­tra­gen so etwas ein­fach nicht!« — »Ich will drei Stück und ein­pa­cken.« Sel­ber Pus­sie, hat wahr­schein­lich Hem­mun­gen dann doch sein Gesicht zu ver­lie­ren und schmeißt die Din­ger dann zu Hause lie­ber in den Müll.

Auf der Tour zurück haben wir dann die Kon­sum­tem­pel erneut besucht, um uns die Waren ein­zu­ver­lei­ben. Bei mir ist es nicht viel gewor­den, eine Pyja­mahose, eine Mütze, ein Paar schwarze Leder­hand­schuhe und wie­der ein wenig Kos­me­tik und Gesichts­pflege, denn obwohl man mir natür­lich mein Alter in kei­ner Weise ansieht, kann es hier auch wie­der nur hei­ßen: Vor­beu­gung ist bes­ser als Nach­sicht. Natür­lich habe ich mich auch in eine Jacke bei H&M ver­guckt, die natür­lich nicht in ver­nünf­ti­gen Grö­ßen zu haben ist. »Gibt’s die auch noch Grö­ßer?« lau­tete dann auch meine berech­tigte Frage an die Ver­käu­fe­rin. Ihre Ant­wort war über­ra­schend: »NOCH grö­ßer???« Eine Män­ner­ja­cke in 54 als größte Größe? Schade eigent­lich. Viel­leicht passt die mir ja wenn ich im hohen Alter wie­der schrumpfe.

Nach­dem ich dann durch unzäh­lige Tüten die Belast­bar­keit mei­ner All­tags Pikes getes­tet habe drückte am Bahn­hof noch die Blase, was eigent­lich kein Pro­blem dar­stel­len sollte, denn Toi­let­ten sollte es am Köl­ner Haupt­bahn­hof schon geben. Und jetzt kommt’s: 1€ für das Uri­nie­ren. Ich war sprach­los. Noch nie war pin­kel so teuer. Selbst aus sonst so teu­ren Rast­plät­zen kommt man güns­ti­ger weg (0,5€), da ver­geht einem echt die Lust an der Not­durft. Ein Sta­pel Zeit­schrif­ten vom Pres­se­la­den und ein Vanilla Latte Tall vom Star­bucks lin­derte mei­nen see­li­schen Schmerz.

Aus­ge­gan­gen ist das Spiel übri­gens 0:0 — Ver­mut­lich hat­ten die Mann­schaf­ten das Ergeb­nis vom Ober­bür­ger­meis­ter vor­ge­schrie­ben bekom­men, sonst hätte ja noch was pas­sie­ren können.

(Bild­quelle: Amts­blatt der Stadt MG)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Ansichtssache
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2 Kommentare

  1. Keine Chance über Absper­run­gen etc. drü­ber zu stei­gen? So mach ich das eigent­lich immer, wenn das Pis­sen so teuer ist. Wenn das Klo dann so sau­ber war, dass man vom Boden essen könnte werf ich hin­ter­her dann nen Euro rein… was aller­dings bis­her nie vor­ge­kom­men ist, bis­her war »es stinkt nicht uner­träg­lich nach Urin« das beste was mir in öffent­li­chen Klos so unter­ge­kom­men ist.

  2. Nein, offen­bar hat man für die hart­nä­cki­gen Fälle gleich mal 2 Mann Wach­per­so­nal bereit gestellt, die jedem Ver­stoß gegen die Ord­nung gna­den­los ver­fol­gen. Außer­dem wurde es drin­gend und die Zug­toi­let­ten sind nicht wirk­lich für ihre Sau­ber­keit berühmt, als Mann stört mich das nicht wei­ter, doch für die bes­sere Hälfte ist das aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den ein­deu­tig zuviel :)

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