10 August

Das Archiv der Jugendkulturen retten - Warum?

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 2010Keine Kommentare

In der Zei­tung Neues Deutsch­land führte Redak­teur Mar­tin Krö­ger ein sehr infor­ma­ti­ves Inter­view mit dem Lei­ter des Archivs, Klaus Farin, das die Hin­ter­gründe der Ret­tungs­ak­tion für das Archiv der Jugend­kul­tu­ren anspricht.  Aus Jugend­kul­tu­rel­ler und Bil­dungs­po­li­ti­scher Sicht wirft das ein kri­ti­sches Licht auf die Haupt­stadt selbst, denn obwohl hier offen­sicht­lich viel inves­tiert wird, blei­ben wich­ti­gere Dinge unbe­rück­sich­tigt. Ein Regel­för­de­rung erhält das Archiv nicht, dass heißt eine regel­mä­ßige finan­zi­elle Unter­stüt­zung durch Bund, Land oder Ber­li­ner Senat fehlt. Es gibt zwar pro­jekt­be­zo­gene Mit­tel durch die Bun­des­pro­gramme »Viel­falt tut gut« und »Jugend für Viel­falt, Demo­kra­tie und Tole­ranz«, die sind aber auf spe­zi­fi­sche Auf­gabe zuge­schnit­ten und füh­ren nur sel­ten zu einem Mietzuschuss.

Ein­zige feste Ein­nah­me­quelle des Archivs der Jugend­kul­tu­ren ist der eigene Ver­lag, des­sen Erlös aber auch nicht aus­reicht allein die Miet­kos­ten von 5000€ pro Monat zu decken. So sprin­gen die Mit­ar­bei­ter immer wie­der ein, um Lücken in der Kasse durch pri­vate Finanz­sprit­zen zu fül­len. Am 31. Okto­ber, dem Stich­tag für die Spen­den­ak­tion läuft der Miet­ver­trag des Archivs auf der Fidi­cin­straße 3, Ber­lin aus. Bis dahin muss ent­schie­den wer­den ob der Miet­ver­trag für die Räume ver­län­gert wer­den kann, oder gekün­digt wer­den muss, wei­tere Jahre mit Ver­schul­dungs­ga­ran­tie kön­nen und wol­len die 28 Ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter nicht mehr auf sich neh­men. Letzt­end­lich wäre das das Ende des Archivs in sei­ner jet­zi­gen Form.

Ich möchte das Inter­view hier aus­zugs­weise auf­grei­fen und für mich inter­pre­tie­ren. Das ganze Inter­view fin­det ihr in Arti­kel der Zei­tung »Neues Deutsch­land« — Archiv der Jugend­kul­tu­ren geht stif­ten.

ND: Privat? Sie haben doch auch Geld durch das Bundesprogramm »Vielfalt tut gut«, »Jugend für Vielfalt, Demokratie und Toleranz«, Projektmittel des Berliner Integrationsbeauftragten oder EU-Gelder bekommen. Klaus Farin: Projektmittel bekommen wir. Aber die finanzieren nicht die Grundausgaben. Ab und zu gibt es einen Mietzuschuss – dafür sind wir dankbar. Aber das meiste fließt eben wieder in die Projekte hinein. Dazu müssen wir aber jeden Monat rund 5000 Euro Miete zahlen. Und die einzige Einnahmequelle, die wir haben, ist der Verkauf der Bücher aus unserer Verlagsreihe. Das reicht aber nicht. Wir schießen seit Jahren privat aus unseren eigenen Taschen so ein-, bis anderthalbtausend Euro pro Monat dazu.

ND: Allein für die Aufklärung, die Sie über extrem rechte Jugendkulturen leisten, müssten Sie doch von staatlicher Seite regelmäßig mit Geld überschüttet werden? Klaus Farin: Die Frage müsste man dem Berliner Senat stellen.

ND: Stellen Sie diese Frage denn selbst dem Senat nicht? Klaus Farin: Wir haben immer wieder versucht, Kontakte zu knüpfen. Hören aber nur, wir haben auch kein Geld, wir schließen unsere eigenen Bibliotheken, eigene Jugendklubs und da können wir Sie nicht auch noch finanzieren. Sicher wäre es die ideale Lösung, wenn wir vom Kultursenat einen Etat bekommen könnten, oder auch vom Bildungssenat, schließlich leisten wir für den Jugendkulturbereich Grundlagenforschung.

Das Archiv ist mehr­fach aus­ge­zeich­net, doch außer einem Hän­de­druck von Ex-Bundespräsident Horst Köh­ler ist nicht viel geblie­ben. Die Ein­zig­ar­tig­keit zeich­net das Archiv aus und ist gleich­zei­tig auch sein größ­tes Stigma, denn dadurch lässt es sich schwer­lich in beste­hende För­der­li­nien ein­ord­nen. Die Auf­gabe des Archivs wird immer noch miss­ver­stan­den: »Weil viele Leute ein­fach nicht ver­ste­hen, dass es eine Biblio­thek ist, eine For­schungs­ein­rich­tung. Dabei haben wir einen inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansatz – hier arbei­ten Pro­fes­so­ren gemein­sam mit Punks an Pro­jek­ten.«

Eine schwie­rige Zeit? Die fal­sche Regie­rung? Ein eng­stir­ni­ger Senat? Das Archiv exis­tiert in sei­ner Form nun seit 12 Jah­ren, genug Zeit als für meh­rere Legis­la­tur­pe­rio­den, Senate und Regie­rung sich der Sache anzu­neh­men, dar­über zu bera­ten, oder sich zu infor­mie­ren — doch gesche­hen ist nichts. Mitt­ler­weile fehlte sogar das Geld, die regel­mä­ßige Zeit­schrift »Jour­nal der Jugend­kul­tu­ren« in gedruck­ter Form zu publi­zie­ren, so dass sie einer spar­sa­me­ren — wenn auch unat­trak­ti­ve­ren — PDF Aus­gabe gewi­chen ist.  Man spart also wo man kann und bewegt sich für ein Archiv mit biblio­the­ka­ri­schem Anspruch am Rand des Existenzminimums.

ND: Dass das Archiv gute Arbeit leistet, steht außer Frage. Sie sind mehrfach ausgezeichnet worden. Klaus Farin: Diese Auszeichnungen waren jedoch nicht mit größeren Preisgeldern verbunden. Der Ex-Bundespräsident Horst Köhler hat uns gerne die Hand geschüttelt, aber keinen Cent dazugegeben. Da wir die einzige Einrichtung dieser Art überhaupt sind, fallen wir durch alle möglichen Töpfe. Weil viele Leute einfach nicht verstehen, dass es eine Bibliothek ist, eine Forschungseinrichtung. Dabei haben wir einen interdisziplinären Ansatz – hier arbeiten Professoren gemeinsam mit Punks an Projekten.

ND: Ist das der Grund, weshalb das Archiv als einzigartig gilt? Klaus Farin: Unser Ziel ist es, differenzierte Informationen über Jugendliche und deren Welten zu sammeln und diese Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen. Es gibt nichts dergleichen in Europa. Also Forschung zu dem, was Jugendliche am meisten interessiert: Mode, Musik, Freizeitszenen, Peergroups. Außer uns sammelt das niemand, damit meine ich: authentische Medien, Flyer, Tonträger, T-Shirts, Fanzines aber auch wissenschaftliche Studien, Zeitungsberichte. Wir arbeiten das auf und stellen es jedermann, der interessiert ist, kostenlos zur Verfügung.

Jugend­li­che Szene las­sen sich nicht mit schnö­den Ana­ly­sen und tro­cke­nen Zah­len ana­ly­sie­ren, dazu muss man ein­fach schwarz/weiß Den­ken been­den und beru­hi­gen­des Schub­la­den­den­ken kon­se­quent in Frage stel­len. Das Archiv sam­melt das was aus der Szene stammt, trägt zusam­men und sam­melt auch dar­über hin­aus vie­len Sze­nere­le­vante Publi­ka­tio­nen und bie­ten so die ein­zig­ar­tige Mög­lich­keit, sich selbst ein Bild über das zu machen, was man nicht ver­steht.  Dar­über hin­aus forscht das Archiv auch selbst und ver­öf­fent­licht immer wie­der ent­spre­chende Bücher von eige­nen Auto­ren die häu­fig ein dif­fe­ren­zier­tes Bild zur übli­chen Szene-Literatur bie­ten. Noch ist Zeit zur Ret­tung, las­sen wir sie nicht unge­nutzt ver­strei­chen! Infor­ma­tio­nen fin­det ihr im Arti­kel zur Ret­tungs­ak­tion des Archivs.

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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