Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin, so stand es mal auf Häuserwände gesprüht. Ganz im Gegensatz zu verbreiteten Meinung in meinem Bekanntenkreis war ich nicht Zivildienstleistender, sondern beim Barras. Die Geschichte warum, ist voller Fallstricke und Missverständnisse. Als ich 1990 meine Ausbildung zum Industriemechaniker begann, konnte noch niemand absehen, wie die Jobchancen einmal stehen würden. 4 Jahre später war ich schlauer, ein Festanstellung war nicht drin, lediglich ein Zeitvertrag für 12 Monate.
Schon während der Lehrzeit bekam ich die Aufforderung zur Musterung, die ich aber wegen meiner noch andauernden Ausbildung verschieben konnte. Gleich machte ich mich auch daran, den Kriegsdienst zu verweigern und mich um eine entsprechende Stelle im Sanitätsdienst zu bemühen. Das klappte auch alles ganz prima, meine Verweigerung wurde anerkannt, die Stelle bekam ich und so konnte ich meinen Zivildienst im Sommer 94 antreten. Moment mal, ich hatte doch gerade eine Anstellung von 12 Monaten bekommen, schöne Kacke.
Daraufhin habe ich bei meinem Arbeitgeber nachgefragt, ob es möglich wäre nach der Zivildienstzeit zurückzukommen. Verpackt in besser klingende Wort bekam ich dann zu hören: Pech gehabt. Der festen Überzeugung ein Jahr Berufserfahrung würde mir irgendetwas bringen, habe ich dann um Zeit zu schinden den Zivildienst wieder abgesagt und mich erneut in das Musterungsverfahren begeben. Wie blöd das gewesen ist, sollte ich erst Jahre später erkennen.
Was bringt die Bundeswehr nun einem jungen Mann? Formt die Disziplin und der Drill einen anständigen Bundesbürger, oder lernt man gewissenhaft das Land vor etwaigen Bedrohungen zu beschützen? Macht die Wehrpflicht hart und unangreifbar, stählt sie den Körper durch Bewegung? Weit gefehlt. Das einzige was ich gelernt habe, war das Knöpfe annähen und das Rauchen aus Langeweile. Knöpfe annähen kann ich heute auch noch, das Rauchen habe ich mittlerweile wieder aufgegeben. Ansonsten bleibt von der Bundeswehr nur eine große Lücke nichts vor dem man steht. Zurück zum alten Arbeitgeber konnte ich anschließend nicht mehr, eine neue Stelle mit einem Jahr Berufserfahrung entpuppte sich zum schwierigen Unterfangen, so daß ich direkt nach der Bundeswehr erstmal LKW bei C&A entladen habe um dann weitere 4 Monate um eine neue Anstellung zu kämpfen.
Ich finde die Wehrpflicht ist in der heutigen Zeit das überflüssigste das man(n) sich vorstellen kann. Der gesellschaftliche Nutzen ist gleich Null, einen späteren militärischen Nutzen möchte ich hiermit stark anzweifeln. Die Grundidee des Zivildienstes ist da doch besser, schließlich sind manchen Zweige der Pflegebranche ohne Zivildienstleistende undenkbar. Warum nicht also ein Zivildienst für alle? Jungen und Mädchen sollten nach ihrer schulischen Laufbahn einen sozialen oder gesellschaftlichen Dienst ableisten, anstatt einen blödsinnigen Wehrdienst anzutreten. Ich jedenfalls hab auch noch eine Dankurkunde bekommen, obwohl ich mich ja eigentlich bedanken muss. Danke für das sinnloseste Jahr meines bisherigen Lebens.



hat bereits 3 Kommentare abgegeben und schrieb am 18. September 2008 um 14:11:
Willkommen im Club!
Für die meisten ist die Bundeswehrzeit die wohl sinnloseste Erfahrung ihres bisherigen Lebens.
Der Zivildienst ist sicherlich sinnvoll, notwendig ist er aber nicht. Schließlich kennt kaum noch ein freies Land die Wehrpflicht und trotzdem klappt es dort ganz gut auch ohne Zivis.
Viele Grüße
Andreas
hat bereits 3 Kommentare abgegeben und schrieb am 19. September 2008 um 01:18:
Mal ne blöde Frage: Wie »schafft« man es denn, »Gefreiter« zu bleiben? Obergefreiter wird doch normalerweise jeder beim Bund, nur zum Hauptgefreiten schafft es nur eine begrenzte Zahl in 12 Monaten ?!?!?!
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 19. September 2008 um 04:24:
@Andreas: Einige Länder haben noch die Wehrpflicht (http://de.wikipedia.org/wiki/Wehrpflicht), ob man die jetzt als frei bezeichnet, ist Geschmackssache ;) Ich finde die Idee des Zivildienstes jedoch ganz gut, etwas für die Gesellschaft zu tun sowieso. Aber prinzipiell, da gebe ich Dir recht, wäre ein Land ohne Wehrpflicht ein Schritt in die richtige Richtung.
@Stefan: Ich war nie der Karrieretyp :D Vielleicht war mein ablehnendes Verhalten der Bundeswehr gegenüber Grund genug mir nur eine »Pommes« zu spendieren. Ich bin aber nicht enttäuscht…oder frustriert, nein. *steinchentret*
hat bereits 3 Kommentare abgegeben und schrieb am 19. September 2008 um 13:47:
@Robert: In der Theorie ist der Zivildienst eine gute Sache, zumindest solange es die Wehrpflicht noch gibt.In der Praxis gibt es massive Gerechtigkeitsprobleme, viel zu hohe gesamtwirtschaftliche Kosten (durch den Wegfall eines ganzen Jahresgehaltes an Kaufkraft und Steuern), die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch den gesetzeswidrigen Einsatz von Zivis und der Verhinderung einer angemessenen Lohnentwicklung im Pflegebereich. Für (hoffentlich) viele ist der Zivildienst eine wertvolle Erfahrung auch für das spätere Leben. Leider gibt es aber auch viele Zivis, die ähnlich wie sehr viele Wehrpflichtige ihre Dienstzeit als Zumutung und Zeitverschwendung erlebt haben und erleben. Und gerade für diese ist es doppelt schmerzhaft dann später erleben zu müssen, wie viele Freunde, Nachbarn und Klassenkameraden nicht dienen mussten und jetzt im Beruf und in der Rente immer im Vorteil sind.
Natürlich sind Deutschland und Österreich freie Länder, aber durch die Wehrpflicht gibt es zumindest für junge Männer ein deutliches Freiheitsgefälle in Europa.
Gruß
Andreas
hat bereits 1744 Kommentare abgegeben und schrieb am 19. September 2008 um 23:59:
Leider fehlt mir der gesamtwirtschaftliche Überblick um zuverlässig beurteilen zu können, ob aus meinem Idealismus auch Realität werden könnte. Das Lohnniveau im Pflegebereich ist sehr schlecht, was mir auch eine Bekannte, die im Altenheim als Altenpflegerin arbeitet, immer wieder bestätigt. Das durch den Einsatz von Zivildienstleistenden dort Lohndumping betrieben werden könnte…so habe ich das noch nicht betrachtet. Als ehemals Wehrpflichtiger ist mir nur die Verschwendung von Geldern bei der Bundeswehr aufgestoßen und die Trägheit des Systems, so ist es der Bundeswehr damals sehr schwer gefallen schnelle und unbürokratische Hilfe zu leisten. (Überschwemmung in Köln 1995)
Aus der Sicht des Zivildienstleistenden kann ich ja, wie berichtet nicht sprechen, bin aber sehr froh, dass hier in diesem Rahmen so eine interessante Diskussion stattfindet. Leider muss ich feststellen, dass die Diskussion um die Wehrpflicht also solche hier in Deutschland mehr oder weniger nicht mehr stattfindet, seitdem die SPD 2007 den Leitantrag zur freiwilligen Armee gestellt hat.
hat bereits 3 Kommentare abgegeben und schrieb am 20. September 2008 um 14:14:
@Robert: Verstehe mich bitte nicht falsch. Wehrpflichtige und Zivis leisten im allgemeinen eine absolut bewundernswerte Arbeit, die von der Gesellschaft viel zu wenig gewürdigt wird. Nur, der Preis ist mir zu hoch, viel zu hoch sogar. Wenn es nicht um die Wehrpflicht geht, sind Werte wie die Gleichberechtigung (von Mann und Frau) und die Gleichbehandlung (zwischen Männern oder zwischen Frauen oder zwischen bestimmten Personengruppen ) geradezu heilig und unantastbar. Wenn es um die Wehrpflicht, geht werden diese Werte bedenkenlos untergeordnet. Hinzu kommt der Preis den die Betroffenen und die Gesellschaft zahlen müssen. 0,25 % weniger Wirtschaftwachstum sind eine Menge. Und wie in meinem Fall, ein Verlust von weit über 100.000 Euro entgangenen Lohn (als letztes Jahresgehalt)rechtfertigen ganz sicher nicht die schlechten Erfahrungen, die ich eim Bund machen durfte und auch nicht den sehr bescheidenen Beitrag, den ich zur Sicherheit unseres Landes beitragen konnte.
Die Diskussion um die Wehrpflicht wird erst enden, wenn diese ausgesetzt wurde. Sie kocht nur nicht immer an der Oberfläche. Die Entscheidung der SPD eine sogenannte »freiwillige« Wehrpflicht einzuführen finde ich übrigens gar nicht so verkehrt. In Dänemark funktioniert das schon seit Jahren ganz wunderbar. Außerdem hat dieses Konzept den Vorteil, dass die notorischen Wehrpflichtbefürworter ihr Gesicht wahren können.
Viele Grüße
Andreas