18 September

Bundeswehr - Wie ich zum Mann wurde

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 20086 Kommentare

Stell dir vor es ist Krieg und kei­ner geht hin, so stand es mal auf Häu­ser­wände gesprüht. Ganz im Gegen­satz zu ver­brei­te­ten Mei­nung in mei­nem Bekann­ten­kreis war ich nicht Zivil­dienst­leis­ten­der, son­dern beim Bar­ras. Die Geschichte warum, ist vol­ler Fall­stri­cke und Miss­ver­ständ­nisse. Als ich 1990 meine Aus­bil­dung zum Indus­trie­me­cha­ni­ker begann, konnte noch nie­mand abse­hen, wie die Job­chan­cen ein­mal ste­hen wür­den. 4 Jahre spä­ter war ich schlauer, ein Fest­an­stel­lung war nicht drin, ledig­lich ein Zeit­ver­trag für 12 Monate.

Schon wäh­rend der Lehr­zeit bekam ich die Auf­for­de­rung zur Mus­te­rung, die ich aber wegen mei­ner noch andau­ern­den Aus­bil­dung ver­schie­ben konnte. Gleich machte ich mich auch daran, den Kriegs­dienst zu ver­wei­gern und mich um eine ent­spre­chende Stelle im Sani­täts­dienst zu bemü­hen. Das klappte auch alles ganz prima, meine Ver­wei­ge­rung wurde aner­kannt, die Stelle bekam ich und so konnte ich mei­nen Zivil­dienst im Som­mer 94 antre­ten. Moment mal, ich hatte doch gerade eine Anstel­lung von 12 Mona­ten bekom­men, schöne Kacke.

Dar­auf­hin habe ich bei mei­nem Arbeit­ge­ber nach­ge­fragt, ob es mög­lich wäre nach der Zivil­dienst­zeit zurück­zu­kom­men. Ver­packt in bes­ser klin­gende Wort bekam ich dann zu hören: Pech gehabt. Der fes­ten Über­zeu­gung ein Jahr Berufs­er­fah­rung würde mir irgend­et­was brin­gen, habe ich dann um Zeit zu schin­den den Zivil­dienst wie­der abge­sagt und mich erneut in das Mus­te­rungs­ver­fah­ren bege­ben. Wie blöd das gewe­sen ist, sollte ich erst Jahre spä­ter erkennen.

Was bringt die Bun­des­wehr nun einem jun­gen Mann? Formt die Dis­zi­plin und der Drill einen anstän­di­gen Bun­des­bür­ger, oder lernt man gewis­sen­haft das Land vor etwai­gen Bedro­hun­gen zu beschüt­zen? Macht die Wehr­pflicht hart und unan­greif­bar, stählt sie den Kör­per durch Bewe­gung? Weit gefehlt. Das ein­zige was ich gelernt habe, war das Knöpfe annä­hen und das Rau­chen aus Lan­ge­weile. Knöpfe annä­hen kann ich heute auch noch, das Rau­chen habe ich mitt­ler­weile wie­der auf­ge­ge­ben. Ansons­ten bleibt von der Bun­des­wehr nur eine große Lücke nichts vor dem man steht. Zurück zum alten Arbeit­ge­ber konnte ich anschlie­ßend nicht mehr, eine neue Stelle mit einem Jahr Berufs­er­fah­rung ent­puppte sich zum schwie­ri­gen Unter­fan­gen, so daß ich direkt nach der Bun­des­wehr erst­mal LKW bei C&A ent­la­den habe um dann wei­tere 4 Monate um eine neue Anstel­lung zu kämpfen.

Ich finde die Wehr­pflicht ist in der heu­ti­gen Zeit das über­flüs­sigste das man(n) sich vor­stel­len kann. Der gesell­schaft­li­che Nut­zen ist gleich Null, einen spä­te­ren mili­tä­ri­schen Nut­zen möchte ich hier­mit stark anzwei­feln. Die Grund­idee des Zivil­diens­tes ist da doch bes­ser, schließ­lich sind man­chen Zweige der Pfle­ge­bran­che ohne Zivil­dienst­leis­tende undenk­bar. Warum nicht also ein Zivil­dienst für alle? Jun­gen und Mäd­chen soll­ten nach ihrer schu­li­schen Lauf­bahn einen sozia­len oder gesell­schaft­li­chen Dienst ableis­ten, anstatt einen blöd­sin­ni­gen Wehr­dienst anzu­tre­ten.  Ich jeden­falls hab auch noch eine Dan­kur­kunde bekom­men, obwohl ich mich ja eigent­lich bedan­ken muss. Danke für das sinn­lo­seste Jahr mei­nes bis­he­ri­gen Lebens.

Wei­ter­füh­rende Links: Kam­pa­gne gegen Wehr­pflicht, Wie ver­wei­gert man?, Zivil­dienst und Aus­mus­te­rung, Kar­riere beim Bund

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Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Ansichtssache

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6 Kommentare

  1. Will­kom­men im Club!

    Für die meis­ten ist die Bun­des­wehr­zeit die wohl sinn­lo­seste Erfah­rung ihres bis­he­ri­gen Lebens.

    Der Zivil­dienst ist sicher­lich sinn­voll, not­wen­dig ist er aber nicht. Schließ­lich kennt kaum noch ein freies Land die Wehr­pflicht und trotz­dem klappt es dort ganz gut auch ohne Zivis.

    Viele Grüße

    Andreas

  2. Mal ne blöde Frage: Wie »schafft« man es denn, »Gefrei­ter« zu blei­ben? Ober­ge­frei­ter wird doch nor­ma­ler­weise jeder beim Bund, nur zum Haupt­ge­frei­ten schafft es nur eine begrenzte Zahl in 12 Monaten ?!?!?!

  3. @Andreas: Einige Län­der haben noch die Wehr­pflicht (http://de.wikipedia.org/wiki/Wehrpflicht), ob man die jetzt als frei bezeich­net, ist Geschmacks­sa­che ;) Ich finde die Idee des Zivil­diens­tes jedoch ganz gut, etwas für die Gesell­schaft zu tun sowieso. Aber prin­zi­pi­ell, da gebe ich Dir recht, wäre ein Land ohne Wehr­pflicht ein Schritt in die rich­tige Richtung.

    @Stefan: Ich war nie der Kar­rie­re­typ :D Viel­leicht war mein ableh­nen­des Ver­hal­ten der Bun­des­wehr gegen­über Grund genug mir nur eine »Pom­mes« zu spen­die­ren. Ich bin aber nicht enttäuscht…oder frus­triert, nein. *steinchentret*

  4. @Robert: In der Theo­rie ist der Zivil­dienst eine gute Sache, zumin­dest solange es die Wehr­pflicht noch gibt.In der Pra­xis gibt es mas­sive Gerech­tig­keits­pro­bleme, viel zu hohe gesamt­wirt­schaft­li­che Kos­ten (durch den Weg­fall eines gan­zen Jah­res­ge­hal­tes an Kauf­kraft und Steu­ern), die Ver­nich­tung von Arbeits­plät­zen durch den geset­zes­wid­ri­gen Ein­satz von Zivis und der Ver­hin­de­rung einer ange­mes­se­nen Lohn­ent­wick­lung im Pfle­ge­be­reich. Für (hof­fent­lich) viele ist der Zivil­dienst eine wert­volle Erfah­rung auch für das spä­tere Leben. Lei­der gibt es aber auch viele Zivis, die ähnlich wie sehr viele Wehr­pflich­tige ihre Dienst­zeit als Zumu­tung und Zeit­ver­schwen­dung erlebt haben und erle­ben. Und gerade für diese ist es dop­pelt schmerz­haft dann spä­ter erle­ben zu müs­sen, wie viele Freunde, Nach­barn und Klas­sen­ka­me­ra­den nicht die­nen muss­ten und jetzt im Beruf und in der Rente immer im Vor­teil sind.

    Natür­lich sind Deutsch­land und Öster­reich freie Län­der, aber durch die Wehr­pflicht gibt es zumin­dest für junge Män­ner ein deut­li­ches Frei­heits­ge­fälle in Europa.

    Gruß

    Andreas

  5. Lei­der fehlt mir der gesamt­wirt­schaft­li­che Über­blick um zuver­läs­sig beur­tei­len zu kön­nen, ob aus mei­nem Idea­lis­mus auch Rea­li­tät wer­den könnte. Das Lohn­ni­veau im Pfle­ge­be­reich ist sehr schlecht, was mir auch eine Bekannte, die im Alten­heim als Alten­pfle­ge­rin arbei­tet, immer wie­der bestä­tigt. Das durch den Ein­satz von Zivil­dienst­leis­ten­den dort Lohn­dum­ping betrie­ben wer­den könnte…so habe ich das noch nicht betrach­tet. Als ehe­mals Wehr­pflich­ti­ger ist mir nur die Ver­schwen­dung von Gel­dern bei der Bun­des­wehr auf­ge­sto­ßen und die Träg­heit des Sys­tems, so ist es der Bun­des­wehr damals sehr schwer gefal­len schnelle und unbü­ro­kra­ti­sche Hilfe zu leis­ten. (Über­schwem­mung in Köln 1995)
    Aus der Sicht des Zivil­dienst­leis­ten­den kann ich ja, wie berich­tet nicht spre­chen, bin aber sehr froh, dass hier in die­sem Rah­men so eine inter­es­sante Dis­kus­sion statt­fin­det. Lei­der muss ich fest­stel­len, dass die Dis­kus­sion um die Wehr­pflicht also sol­che hier in Deutsch­land mehr oder weni­ger nicht mehr statt­fin­det, seit­dem die SPD 2007 den Leit­an­trag zur frei­wil­li­gen Armee gestellt hat.

  6. @Robert: Ver­stehe mich bitte nicht falsch. Wehr­pflich­tige und Zivis leis­ten im all­ge­mei­nen eine abso­lut bewun­derns­werte Arbeit, die von der Gesell­schaft viel zu wenig gewür­digt wird. Nur, der Preis ist mir zu hoch, viel zu hoch sogar. Wenn es nicht um die Wehr­pflicht geht, sind Werte wie die Gleich­be­rech­ti­gung (von Mann und Frau) und die Gleich­be­hand­lung (zwi­schen Män­nern oder zwi­schen Frauen oder zwi­schen bestimm­ten Per­so­nen­grup­pen ) gera­dezu hei­lig und unan­tast­bar. Wenn es um die Wehr­pflicht, geht wer­den diese Werte beden­ken­los unter­ge­ord­net. Hinzu kommt der Preis den die Betrof­fe­nen und die Gesell­schaft zah­len müs­sen. 0,25 % weni­ger Wirt­schaft­wachs­tum sind eine Menge. Und wie in mei­nem Fall, ein Ver­lust von weit über 100.000 Euro ent­gan­ge­nen Lohn (als letz­tes Jahresgehalt)rechtfertigen ganz sicher nicht die schlech­ten Erfah­run­gen, die ich eim Bund machen durfte und auch nicht den sehr beschei­de­nen Bei­trag, den ich zur Sicher­heit unse­res Lan­des bei­tra­gen konnte.

    Die Dis­kus­sion um die Wehr­pflicht wird erst enden, wenn diese aus­ge­setzt wurde. Sie kocht nur nicht immer an der Ober­flä­che. Die Ent­schei­dung der SPD eine soge­nannte »frei­wil­lige« Wehr­pflicht ein­zu­füh­ren finde ich übri­gens gar nicht so ver­kehrt. In Däne­mark funk­tio­niert das schon seit Jah­ren ganz wun­der­bar. Außer­dem hat die­ses Kon­zept den Vor­teil, dass die noto­ri­schen Wehr­pflicht­be­für­wor­ter ihr Gesicht wah­ren können.

    Viele Grüße

    Andreas

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