6 März

Krieg einer Wertschöpfungskette: Bruno Kramm als schwarzer Provokateur der ACTA-Gegner

Autor: Diskussion: 5 Kommentare
Bruno Kramm

Bruno Kramm | Chiropterascope Photography (CC-by-na-sa)

Wie die Flaschenpost der Piratenpartei informiert, fordert Stefan Herwig, Labelchef der Plattenfirma Dependent, Künstler und Label der Gothic- und Alternativeszene auf, eine Petition zu unterzeichnen, die sich um die Richtigstellung der Inhalte aus dem  Anti ACTA-Videos “Was ist ACTA?” bemüht. Im Kreuzfeuer der Petition steht vor allem Bruno Kramm (Das Ich), der dem mittlerweile 3 Millionen mal angeklickten Video seine Stimme entlieh. In einem langen Statement geht der Aktivist und Gegner des Abkommens auf die Vorwürfe ein und verteidigt die Grundidee des Videos.

Zugegeben. Das Video ist propagandistisch und zeigt viele Informationen und Annahmen des geplanten ACTA-Abkommens aus einer überspitzten und provokativen Sicht, die nicht unbedingt förderlich für eine sachliche Diskussion sind. Doch das beruht offenbar auf Gegenseitigkeit. Wir erinnern uns an die Kampagne der Filmindustrie: “Raubkopierer sind Verbrecher”, bei der beispielsweise die Familie eines inhaftierten Raubkopierers vor dem Gefängnis ein Geburtstagsständchen bringt. “Mama, wann kommt Papa? – Noch viermal singen.”  (Video) Gezielte Provokation als Mittel zum Zwecke der Breitenwirksamkeit? Ein fraglicher, aber effizienter Weg.

Fakt ist aber, dass die Informationen auf denen dieses Video beruht, bereits 2008/2009 von Wikileaks veröffentlicht wurden und sicher nicht mehr ganz zeitgemäß sind, nachdem nun immer mehr Informationen über das Abkommen bekannt werden. Bruno Kramm gibt in seinem Statement zu: “Auch wenn ich nicht alle Positionen des Clips teile und weiß, dass vieles überspitzt, beziehungsweise aus heutiger Sicht auf das Original-ACTA-Dokument sogar falsch darstellt, stehe ich zu der wichtigen Kernaussage: Transparenz, gerade in Verhandlungen, die so wesentliche bürgerliche Rechte betreffen. Das ist auch das grundsätzliche Problem von ACTA.” Das hat er in ähnlicher Form bereits in den Kommentare zu dem von ihm synchronisierten Video getan.

Was möchte Stefan Herwig, der Künstler wie Apoptygma Berzerk, Covenant oder auch VNV Nation betreut, nun wirklich? In seiner Petition fordert er die Politik auf, “…sich zu einer Urheberrechtsdebatte zu bekennen, die die Musikwirtschaft weder als Ganzes noch in Teilen diskreditiert. Das Urheberrecht muss dringend überholt werden, jedoch nicht indem es Musiker und Verwerter gegeneinander ausspielt oder die Musikwirtschaft generell als „versagendes Geschäftsmodell“ verzerrt.

Ein Stück vorher heißt es: “Die Entscheidung, welche Art der Wertschöpfung, welche Partner wir für unsere Arbeit, unsere Musik und unseren Lebensunterhalt wählen, haben weder Bruno Kramm, noch Anonymous, noch Netzpolitiker wie Jimmy Schulz (FDP) oder Malte Spitz (Bündnis 90/Grüne) zu bewerten oder gar einzuschränken.

Es scheint also um den Verdienst zu gehen, um Lebensunterhalt für die Künstler und das Geschäftsmodell der Plattenlabel.  Natürlich sollte ein Künstler von seiner Arbeit leben können, dem stimme ich uneingeschränkt zu. Doch was verdient so ein Künstler überhaupt an seinem verkauften oder heruntergeladenen Album?  Von rund 16€ Verkaufspreis bleiben dem Künstler selbst 1,58€ (9,9%)1 wird die Single für 0,99€ heruntergeladen, bleiben dem Künstler sogar 0,19€ (19%)2. Nehmen wir an, das etwa 3000€ Brutto zum Lebensunterhalt reichen würden, so müsste der Künstler rund 1.900 Alben im Monat verkaufen. Ich denke, das sind für viele Künstler aus der schwarzen Underground- und Independent-Szene utopische Zahlen.

Kein Wunder also, dass mittlerweile viele Künstler den direkten Weg eingeschlagen haben und ihre Werke direkt über das Netz an die Ohren der Hörer bringen. Die Nine Inch Nails oder auch Radiohead, zeigen wie es gehen könnte. Bruno Kramm findet in seinem Statement deutliche Worte:

Underground-Kultur wurde gerade durch das demokratische Instrument Internet zu einer weltweiten Bewegung. Festivals und Szenetreffen wie das Wave Gotik Treffen mit Besuchern aus der ganzen Welt wären niemals ohne die Informationsverbreitung und Filesharing im Internet möglich. Wer jetzt Urheber gegen Konsumenten aufhetzt, wie es Herwig tut, bringt eine Szene, die so von der freien Partizipation abhängt, ins Ungleichgewicht und vergiftet das Klima zwischen dem Urheber und dem Musikfan. Und darum geht es eigentlich: Herwig ist der Vertreter einer Industrie, die heute in dieser Form nicht mehr gebraucht wird. Aus diesem Grund haben sich ja auch viele der großen Künstler, darunter auch einige von Herwigs ehemaligen Labelkindern endlich in die Freiheit gewagt und vermarkten sich selbst.

Krieg der Wertschöpfungskette – Kommentar

Es geht mir persönlich nicht um das Urheberrecht, es braucht zwar dringend eine Reform, ist aber grundsätzlich völlig richtig. Das was Künstler und Bands kreieren, muss geschützt bleiben. Aber ist es hilfreich, etwas so streng zu schützen, dass niemand mehr davon erfährt? Es nervt mich, dass ich ein gutes Lied nicht mehr bekannt machen kann, weil es auf Youtube oder anderen Kanäle ständig gelöscht wird, da ein Rechteverwerter seine Ansprüche darauf erhebt. Ist das wirklich im Sinne des Künstlers?

Ich habe früher Stunden vor dem Radio verbracht und Titel, die ich gut fand, mitgeschnitten. Ich habe die Kassetten mit meinen Freunden getauscht und war stolz, wenn ich wieder einmal ein Mixtape erstellt hatte, das Anklang fand und von dem man sich Kopien anfertigte. Fand ich eine Band großartig, habe ich mein Taschengeld gespart und es zum nächsten Plattenladen getragen um auch endlich ein Album mit allen Liedern in den Händen zu halten.

Heute benutze ich das Internet. Stöbere stundenlang bei Youtube, interessiere mich für eine Band und versuche mit selbstgebrannten CD den Genuss meiner Entdeckungen ins Auto zu tragen. Ich schicke meinen Freunde die Neuentdeckungen und versuche auch sie zu begeistern, oder lade mir einzelne Stücke oder ganze Alben herunter, um mir einen eigenen Sampler zu erstellen. Gefällt mir eine Band, kaufe ich mir ihre Alben, besuche Konzerte und hänge mir Poster der Künstler an die Wand. Ich gebe dafür heute sicherlich mehr Geld aus, als früher.

Ich bin froh, wenn Kreative auch kreativ mit ihren Werken umgehen. Sie beispielsweise unter einer CC-Lizenz in Netz stellen, Videos selbst ins Netz bringen oder einzelne Lieder kostenlos zum Download bereit stellen. Ich werde neugierig, kaufe mir ein ganzes Album, besuche ihre Konzerte und vielleicht schlürfe ich sogar meinen Kaffee aus einer Tasse die das Bandlogo ziert.

ACTA schützt meiner Ansicht nach nur die Verwerter und Rechteinhaber, nicht aber die Künstler. Vielleicht leiden Musiker vor allem durch die Verträge vieler Plattenfirmen, die sie dazu zwingen, nahezu alle Rechte ihrer Werke abzutreten. Doch das ist -oder war- die Entscheidung jedes einzelnen Künstlers selbst. Die Zeiten der Labels ist jedoch nicht vorbei, ihre Arbeit für die Künstler ist oftmals unverzichtbar und lässt dem Schaffenden den nötigen Spielraum, weiter kreativ zu bleiben, anstatt sich nur um die Selbstvermarktung zu kümmern.

Wir brauchen auch weiterhin engagierte Label, die den Künstlern die Arbeit erleichtern, um Ihnen so mehr Raum für Kreativität zu schaffen. Wir brauchen auch Künstler, die sich offen im Netz bewegen und so versuchen, ihren Werken ein breiteres Publikum zu ermöglichen. Wir brauchen aber auch Hörer, die bereit sind die Angebote wahrzunehmen und das Internet nicht als kostenlosen Wühltisch betrachten.

Was wir nicht brauchen, ist ACTA. Ein Abkommen, das an der demokratischen Idee vorbei durchgesetzt wird. Es macht aus Künstlern, Labeln und Konsumenten keine Wertschöpfungskette, sondern Feinde. Das Internet wird durch ständig neue geheime Abkommen, Verbote und Konsequenzen ein undurchsichtiger Dschungel voller juristischer Tretminen. Was macht jemand, der sich nicht sicher ist, ob er ein Musikvideo weiter verbreiten darf? Was macht jemand der sich nicht sicher ist, ob er ein Bild des Künstlers auf seiner Internetseite veröffentlichen darf? Was machen all diejenigen, die in mühevoller Arbeit selbst erstellte Videos mit einem Ausschnitt ihrer Lieblingslieder schmücken?

Sie lassen es.

Die Popularität sinkt, die Einnahmen schwinden. Underground-Bands bleiben ungehört, großartige neue Bands werden nicht mehr von Hörern entdeckt. Das Überangebot an talentierten Musikern und kreativen Ideen erstickt an sich selbst, weil Musik-Zeitschriften nicht in der Lage sind, der Flut an neuer Musik gerecht zu werden. Erfolg hat der Künstler, der sich vermarkten lässt und nicht und nicht der, der mit neuen Ideen und neuer Musik nicht existente Märkte eröffnen will.

  1. Quelle: Eine Auswertung des Verband unabhängiger Musikunternehmer vom Juli 2010: http://www.vut-online.de/cms/wp-content/uploads/vut_dina4_grafik_einnahmeverteilung_2010_07.pdf []
  2. Quelle: Verband unabhängiger Musikunternehmerhttp://..vut_einnahmeverteilung_muwi_100909.pdf []

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Veröffentlicht am 6. März 2012 von — Letzte Aktualisierung: 6. März 2012

Kategorie: Bewusst Schwarz — Schlagworte: ,

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5 Kommentare

  1. Es ist es schon ziemlich unverständlich und vollkommen gegen die Interessen der Künstler, wenn beispielsweise ein offizielles durch die Band selbst hochgeladenes Musikvideo gesperrt wird. Man möchte doch eigentlich meinen, dass so ein Video zu Promotionzwecken angefertigt wurde. So werden den Künstlern durchaus diverse Steine in den Weg geworfen.

    Auch ruft die Verhältnismäßigkeit bei mir nur ein verständnisloses Kopfschütteln hervor. Insbesondere in den USA gab es Urteile, die vollkommen überzogen sind. Dem illegalen Herunterladen von 24 Songs steht beispielsweise eine Geldstrafe in Höhe von 2 Millionen Dollar gegenüber. Sicherlich mag es sein, dass die Praxis des Filesharings (also das fast automatisch Weiterverbreiten der heruntergeladenen Titel) in das Strafmaß einbezogen wurde. Trotzdem steht dies in keinem Verhältnis. Ebenso die Abmahngebühren deutscher Anwälte. Ich möchte nichts beschönigen. Diebstahl bleibt Diebstahl. Warum aber der virtuelle scheinbar härter geahndet wird als der physische, ist mir bisher nicht wirklich klar.

    Sicherlich sollte man auch die andere Seite betrachten. Leider zu oft habe ich das Gefühl, dass der Respekt vor der Leistung der Künstler abhanden gekommen ist. Ich finde es schon befremdlich, wenn Bilder und Songs ohne jegliche Nennung der Urheber Verwendung finden. Die Forderung einiger, Kunstwerke zum (kostenlosen) Allgemeingut zu erklären, finde ich eine vollkommen falsche Richtung. Unter diesen Voraussetzungen würde so manches Werk sicherlich nicht entstehen. Und nicht unbedingt, weil die Künstler kommerzielle Gedanken haben. Von der Kunst können die wenigsten Undergroundkünstler leben. Aber Plattenaufnahmen und andere künstlerische Leistungen müssen finanziert werden.

    Letztendlich ist der Unmut bzw. das Misstrauen gegenüber ACTA und die damit nicht immer ganz sachlich geführte Diskussion folgerichtig. Die Entscheidungsträger hätten dem mit Transparenz aus dem Weg gehen können.

  2. Nachdem ich mir die in der Flaschenpost verlinkte Petition sowie den doch etwas länglich geratenen offenen Brief von Herrn Kramm durchgelesen habe, hat mich vor allem die Petition doch etwas erstaunt zurückgelassen. Ich bin ja durchaus einiges gewohnt, was das freiwillige und ausführliche Darlegen der eigenen Ahnungslosigkeit über “dieses sogenannte Internet” von mehr oder weniger prominenten Menschen angeht. Daher habe ich es mir auch abgewöhnt, darüber mit dem Kopf zu schütteln, sondern schmunzle lieber über die oftmals unfreiwillig komischen Machwerke -- nicht zuletzt habe ich Leuten wie Herrn Heveling (“Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!”) amüsante Vorstellungen von Leuten zu verdanken, die auf “Barrikaden” stehend nacheinander Goethe, Marx und die Bibel rezitieren, umgeben von ruinenhaften Stümpfen unserer Gesellschaft (die, im Gegensatz zu normalen Stümpfen noch deutlich… ruinenhafter sind).

    In solcher Weise melden sich allerdings auch fast nur Leute, von denen ich nichts anderes (mehr) erwarte. Jemanden in der Position von Herrn Herwig hätte ich aber für “aufgeschlossener” gehalten, zumindest aber sollte er doch so einiges besser wissen. YouTube auffordern, ein Video aus Neutralitätsgründen “gleichrangig” neben ein anderes zu stellen? Da fällt mir nicht viel zu ein, außer: WTF? Kann es wirklich sein, dass Herr Herwig YouTube nicht verstanden hat? Ich kann es mir kaum vorstellen. Er muss eigentlich wissen, dass das eine absolut absurde Forderung ist -- was möchte er also damit bezwecken? In Zusammenhang mit seiner Forderung an Bruno Kramm, “sein” Anti-ACTA-Video zu löschen, wird das ganze noch absurder (und weiß Herwig wirklich nicht, dass Kramm gerade mal für die Übersetzung und den Off-Sprecher verantwortlich ist?). Kramm soll also sein Video löschen und YouTube dann dem Anti-Anti-ACTA-Video den gleichen Platz wie dem gelöschten Video einräumen? Ja, klingt absolut sinnvoll und durchdacht, das Ganze.
    Erstaunlich (oder entlarvend?) finde ich auch, dass für Herrn Herwig offenbar nur Musiker und Verwerter Teil der Musikwirtschaft sind und in die Debatte einbezogen werden sollten -- kein Wort über die Fans bzw. Kunden. Man könnte ihn ja auch fragen, ob es ihm lieber ist, dass Musiker gegen Fans ausgespielt werden sollen -- eine durchaus beobachtbare Argumentationsweise in der Diskussion um das Urheberrecht. Abgerundet wird diese seltsame Petition durch die deplatzierte Bemerkung über die “ehemals erfolgreiche Szeneband” (unabhängig vom Wahrheitsgehalt, was hat denn so etwas in einer Petition zu suchen?) und dadurch, Unheilig als positives Beispiel für die Arbeit großer Label hervorzuheben -- Unheilig sollte niemals ein positives Beispiel für irgendetwas sein ;)
    Alles in allem erwarte ich so einen Text von oben schon erwähnten Herrschaften, von Major-Labels oder von anderen Lobbyisten in dieser Sache; dass man so eine Einstellung auch als Chef eines kleinen Labels an den Tag legen kann, erstaunt und erschreckt mich ein Stück weit. Wobei die Einleitung der Flaschenpost ja vermuten lässt, dass sich Herr Herwig da schon einen zweifelhaften Ruf erarbeitet hat.

    Von der Petition abgesehen möchte ich dir aber auch darin zustimmen, Kramms offenem Brief nicht vollumfänglich beizupflichten. Labels sind nicht komplett überflüssig, wie du richtig sagst, kann und will sich nicht jeder Künstler selbst vermarkten. Ich bin beim Thema Selbstvermarktung auch ein Stück weit skeptisch. Ja, Trent Reznor ist ein tolles Beispiel dafür, dass es funktionieren kann, aber der gute Mann ist auch beileibe kein Unbekannter und er kann es sich ganz einfach auch leisten, dass so ein Projekt mal in die Hose geht. Ein Beispiel für den erfolgreiche(re)n Weg, sich als wenig bekannter Künstler selbst zu vermarkten, ist er deshalb nicht. Ich würde mir absolut wünschen, dass dadurch unbekanntere Künstler mehr Erfolg haben, aber ich weiß nicht, ob das funktionieren wird.
    Auf der anderen Seite sollte man sich in der Diskussion um Urheberrechte und gerechte Entlohnung der Künstler meiner Meinung nach vom Ideal verabschieden, dass Künstler grundsätzlich von ihrer Musik allein leben können sollten, ob jetzt mit oder ohne Selbstvermarktung. Das trifft doch vermutlich nur auf einen kleinen Teil zu, gerade, wie du selbst sagst, je weiter man sich vom Mainstream entfernt (was natürlich auch absolut logisch ist). Ich freue mich für und über jeden Künstler, der es geschafft hat, von seinen Werken zu leben, aber das sollte kein Maßstab sein; schon, weil so mancher Künstler bestimmte Wege, die ihm schneller zu diesem Status verhelfen könnten, dankenswerterweise nicht beschreiten möchte. Auf dieser Grundlage kann man dann auch vernünftiger über Modelle sprechen, die Künstler besser zu entlohnen.
    Vielleicht habe ich da eine zu idealisierte Vorstellung von Vertriebswegen, Vermarktung und dergleichen, aber ich finde es einfach seltsam, wenn die eigentlichen Urheber vom Verkaufspreis ihrer Werke gerade einmal 10% bekommen (auch wenn die Quote bei Downloads vielleicht besser ist, aber ich zumindest habe, wenn ich Musik kaufe, dann auch gerne was im Regal stehen) und man, wenn man die Künstler unterstützen will, sein auch nicht unendlich verfügbares Geld besser in den Besuch von Konzerten oder den Kauf von Devotionalien steckt -- okay, ersteres kann ich auch noch nachvollziehen, weil es da immer noch um die Musik geht. Allerdings, wie schon erwähnt, vielleicht ist das einfach eine zu idealistische Vorstellung meinerseits ;)

    Was den Aspekt des Urheberrechts und die Nutzungsmöglichkeiten urheberrechtlich geschützter Werke selbst angeht, finde ich es schade, dass im Zuge der Diskussionen um ACTA, so falsch und irreführend das Abkommen selbst ist, nie genauer über die “Harmonisierung” der unterschiedlichen Urheberrechte diskutiert wurde. Genauer gesagt fände ich es angebracht, in Deutschland oder der EU endlich mal dem Beispiel der USA in Sachen “Fair Use” zu folgen. Vielleicht gab es derlei Diskussionen sogar, dann habe ich sie nicht mitbekommen. Da man sonst ja oft nur das drakonische Gesicht des amerikanischen Urheberrechts zu sehen bekommt, wäre gerade dieses doch erstaunlich fortschrittliche Prinzip ein guter Diskussionspunkt für ein fortgeschrittenes deutsches oder EU-weites Urheberrecht. Wenn man selber angemessen kreativ ist, darf man in sein eigenes Werk auch andere, urheberrechtlich geschützte Werke einbauen -- dieser Grundgedanke, entsprechend verfeinert und erweitert, wäre eine echte Verbesserung der aktuellen Rechtslage.

    Wie du ja ganz richtig anmerkst, ist die Konsequenz daraus, diese Dinge nicht zu dürfen, dass man es sein lässt. Zum Glück erkennen ja immer mehr Künstler und Labels, dass YouTube eben doch mehr kostenlose Werbung und eine einfache Möglichkeit, neues zu entdecken, ist, als eine glorifizierte Form der “Raubmordkopie”. Ich habe mal ein Video von einem Album bei YouTube hochgeladen, weil ich das so toll fand, dass es auch Leute sehen sollten, die vielleicht noch zögerten, sich das Album zuzulegen. Die Reaktion der Band war nicht etwa, das Video löschen zu lassen -- sie haben es auf ihrer Facebook-Seite verlinkt. Das hat mich doch beeindruckt, weil ich für dieses Video ja nicht mal eine eigene Leistung erbracht habe. Daher würde ich auch nie fordern, dass das zum Standard werden sollte -- aber schön ist es eben doch.

    Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich es schön fände, wenn es eine wirkliche Diskussion über das Thema Urheberrechte gäbe, weil das dringend vonnöten ist. Ich habe aber das Gefühl, dass gerade vonseiten der Verwerter eine solche Diskussion vielleicht gar nicht gewünscht ist, anders kann ich mir Beiträge wie diese Petition einfach nicht erklären. So etwas kann ich nämlich einfach nicht als ernsthaften Diskussionsbeitrag sehen. Gut, die lauten und abstrusen Wortmeldungen werden natürlich auch eher verbreitet und diskutiert als vernünftige, abwägende Positionen, die es ja durchaus auch gibt. Trotzdem wünsche ich mir mehr Einsicht, auf allen Seiten, dass Künstler, Labels und Kunden voneinander abhängig sind und deswegen gemeinsam an Lösungen arbeiten sollten -- das ist im Interesse aller.

    PS: Da das mein erster Diskussionsbeitrag ist, möchte ich gleich noch einwerfen, dass ich das Blog hier sehr interessant finde und die Beiträge gerne lese. Vielen Dank an die Macher! Ich zähle mich zwar selbst nicht zur Szene -- ich höre “nur” die Musik (am meisten Neofolk und Neoklassik, aber den anderen schwarzen Genres kann ich durchaus auch was abgewinnen) -- das macht die Sache aber für mich nur umso interessanter. Ohne Interesse würde ich hier ja auch keine halben Romane schreiben ;) Bei “szenenäheren” Beiträgen braucht aber keiner diese Textmonster von mir zu erwarten, weil ich davon keine Ahnung habe und lieber lese und lerne :D Beim Thema Urheberrecht schreibe ich aber gerne viel (wie man sieht) ;)

  3. Ich habe mal ein Video von einem Album bei YouTube hoch­ge­la­den, weil ich das so toll fand, dass es auch Leute sehen soll­ten, die viel­leicht noch zöger­ten, sich das Album zuzu­le­gen. Die Reak­tion der Band war nicht etwa, das Video löschen zu las­sen — sie haben es auf ihrer Facebook-Seite ver­linkt.

    Ich hab knapp 1000 oben, bisher auch überwiegend positive Kritiken. Einige hatten sich regelrecht bedankt dafür. Andere hatten in der Kommentarsektion sogar noch geschildert, wann und wo sie das Ganze aufgenommen hatten. ;-) Hybryds haben meine Uploads in ihre Favoritenliste aufgenommen. Streit hatte ich hingegen…na, mit wem wohl?… Project Pitchfork. Die gehen radikal dagegen vor. Das ist die erste und einzige Band seit 2008, mit der ich im Klinch lag. Nicht einmal ein paar Aurora-Sutra-Songs durfte ich online belassen, die ja nun wirklich nur noch was für Nostalgiker sind. Mittlerweile hat Trisol die Aufgabe wohl übernommen, Pitchfork-Uploads zu tilgen. Meinetwegen. Fuck them. ;)

    Aber Youtube wandelt sich in nächster Zeit. Mit dem neuen Design setzt eine regelrechte Massenflucht der Nutzer ein. Man kann also davon ausgehen, dass ZippCast oder eine andere Plattform Youtube in naher Zukunft ersetzen wird. Mal abwarten, was in den nächsten Monaten geschieht.

  4. Ich bin von dem Niveau der Einträge sehr begeistert. Mich ärgert es schon lange, dass Wölfe wie Stefan Herwig die Szene in Unruhe treiben. Selbst sehen sie sich als Verfechter des Guten und des Rechten. Jedesmal wenn ich Herrn Herwig sehe, sehe ich einen reißenden Wolf, selbstgefällig und überheblich. Davon gibt es hier viele. Ich wusste garnicht, dass Bruno Kramm sich für dieses Video engagiert hat. Es ist schön zu sehen, wie aktiv der Kern der Szene noch heute ist, dass vieles noch nicht korrumpiert wurde. Danke für diesen Blog.

  5. Ich hatte das Vergnügen, Stefan Herwig mal persönlich über den Weg zu laufen. Ohne dass ich ihn vorher kannte. Er ist mir extrem unsympathisch und aufdringlich vorgekommen. Von Labels wie Echozone werde ich meine Finger lassen. Da wird gute Musik von relativ unbekannten Künstlern auf mediamarktalem Niveau verschleudert. Allein der Stand auf dem M’era Luna glich einem Elektronik-Laden, alles auf technisch hohem Niveau mit Flachbildschirmen zum Probehören. Alles schön und gut. Aber das lenkt alles von dem ab, worum es eigentlich geht: Die Musik. Auch Interviews mit Künstlern auf der Couch sind eine tolle Erfindung, machen mich als Musik-Freund aber nicht neugierig auf deren Musik. Für mich ist das ne Marketingstrategie und kein Underground. Das hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit der Szene und der Menschen, die sich darin bewegen, zu tun.

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