Ich sitze gerade in meinem Zimmerchen, die Kerzen brennen vor sich dahin, meine Katzen schnurren friedlich neben mir und im Hintergrund läuft die beruhigende Musik von ElfenWald, Deleyaman und Woodland Choir. Und einmal mehr frage ich mich: „Wo ist die Romantik geblieben?“ Ist den Menschen inmitten der Informationsgesellschaft das Gefühl für die Ruhe abhanden gekommen? Und wie sieht es in der vieldiskutierten schwarzen Szene aus?
Wo fange ich am besten an in meinem Text? Vor mir erstreckt sich noch die fast leere Word-Seite, welche mit Worten und Inhalt gefüllt werden möchte. Und während ich automatisch vor mir dahin tippe, anfange meinen Gefühlen Freilauf zu gewähren, sollte ich vielleicht einmal erklären, was ich unter Romantik verstehe. Romantik ist, obwohl ich ein bekennender Schwarzromantiker bin, nicht einfach nur eine Anhäufung von Musik oder der stimmigen Ausgestaltung eines Raumes. Romantik ist für mich in erster Linie die Fähigkeit bewusst abzuschalten. All die Shitstorms, Skandale, Aufrufe und Verschwörungstheorien, die mir andere Menschen durch das Internet tagtäglich aufzwingen wollen, hinter mir zu lassen. Es ist die Fähigkeit sich ganz bewusst dem Moment hinzugeben und alles hinter sich zu lassen. Musik nicht einfach zu konsumieren, sondern zu genießen. Mit einem anderen Menschen ein Moment der Intimität so zu teilen, dass alles andere unwichtig wird. Diese Zeilen nicht gefühllos zu schreiben, sondern etwas ganz spezielles zu vermitteln.
Romantik im Alltag kann auch noch viel mehr sein: eine unverhoffte und schöne Begegnung, das Erfreuen an der Schönheit der Natur oder einfach die Fähigkeit etwas gelassen zu sehen und nicht immer hyperaktiv „SKANDAL!“ zu rufen. Möchte ich es auf eine Formel zurückführen, so ist die Ruhe eines Menschen unabdingbar, denn aus ihr entsteht all das Schöne im Leben: Musik, Literatur, Liebe, Ideen… – Romantik eben! Für mich ist Romantik ein Lebensgefühl. Weg von berechnender Überlegung, hin zu der Frage: „Was sagt mir mein Herz?“
Kommen wir in die Gegenwart. Samstag, der 18. August 2012 [es liegen 2 Wochen zwischen Fertigstellung des Textes und Veröffentlichung, Anm. d. Red]. Die Informationsmaschinerie tischt mir wieder ein Kessel Buntes auf: der finnische Außenminister warnt vor den Bruch der Euro-Zone, eine Debatte über die lupenreine Demokratie in Russland ist mal wieder ausgebrochen, ach: und „Deutschland schwitzt“. Super Neuigkeit, gab es ja die letzten Jahre nicht. Dass der Rover „Curiosity“ sich dagegen aufmacht den Mars zu erforschen, ist da natürlich nur eine Randbemerkung unter „ferner liefen“ wert. Manchmal fühlt man sich wie in einer Zeitschleife gefangen. Glaubt mir, zu Weihnachten gibt es wieder Terror-Alarm oder wahlweise irgendwo auf der Welt eine Katastrophe und es wird sich wieder darüber gewundert, dass im Winter Schnee fällt. Fast genauso sehr, wie sich heute gewundert wird, dass die Sonne scheint. Diese ganze Informationsgeschichte heutzutage kann man, wenn überhaupt, nur noch mit bissigem Sarkasmus ertragen, wenn ihr mich fragt. Aber die Verlagshäuser machen ihren Gewinn, die Menschen haben etwas, wo sie sich eine Woche lang empören können und alle sind glücklich, oder? Oder etwa … nicht?
Und jetzt werde ich ernst. Seit Jahren sind Burn-Out-Erkrankungen sowie andere psychische Erkrankungen wie starke Depressionen auf dem Vormarsch. Immer mehr Menschen kommen mit den Belastungen, welche diese materielle Leistungsgesellschaft fordert, nicht mehr zurecht. Fühlen sich überfordert, ausgelaugt und fallen dadurch in tiefe Depressionen. Gleichwohl steigt die Anzahl der Single-Haushalte, die Scheidungsraten steigen, Kinder werden immer weniger geboren. Was häufig gerne als einzelnes Problem gesehen wird, sehe ich im logischen Zusammenhang. Die heutigen Werte bauen auf Materialismus, Erfolg und Status auf. Dazu kommt eine ständige Umgebung von Informationen: TV, Internet, Smartphones, Facebook, ja selbst in Straßenbahnen hängen Bildschirme, die einen die Nachrichten vor Augen bringen. Ständig sind wir erreichbar. Ständig unterwegs. Der Alltag der Menschen wird dadurch freilich immer stressiger. Die Menschen streiten in meiner Wahrnehmung sich viel häufiger und sind angespannter.
Mit der Fortschreitung der Informationsgesellschaft haben viele Menschen verlernt romantisch zu sein. Sich bewusst aus dem gesellschaftlichen Zwang rauszunehmen. Sich Ruhe zu gönnen und einfach gedankenlos durch Zeit und Raum zu schweben. Doch anstatt zu träumen, innezuhalten und sich einen schönen Moment hinzugeben, versuchen viele Menschen all diese Dinge im Alkohol zu ertränken, „Spaß“ zu haben und Party machen! Übrigens eine Entwicklung, die man auch in den letzten Jahren auf den Festivals und in den Clubs der schwarzen Szene trefflich beobachten kann. Wie konnte es soweit kommen, dass viele Menschen bewusstseinserweiternde Substanzen brauchen, um überhaupt lachen und Spaß haben zu können? Mir, als jemand der nach den Werten der Straight Edge Bewegung lebt, ist das wirklich fremd.
Rückzugspunkte waren schon immer essentiell für die menschliche Psyche. Und diese werden heute meiner Ansicht nach immer mehr beraubt, es sei denn, man lässt diese sich nicht berauben. Denn es gibt einen Weg: einfach nicht mitmachen. Das mag einfach klingen, aber im Endeffekt läuft es doch darauf hinaus. Lasst die Gesellschaft immer nach „höher, schneller, weiter“ streben – ihr müsst da nicht mitmachen. Es ist dabei egal was andere Menschen, welche unrealistische Erwartungen von Euch haben, dabei denken. Man sollte in erster Linie immer seinen eigenen Erwartungen gerecht werden.
Natürlich klingt mein Text jetzt sehr schwarzmalerisch. Ich bin leider kein Optimist. Aber man muss schon zugeben, dass es in den letzten 10 Jahren mit der Digitalisierung gravierende Veränderungen gab. Viele Menschen versuchen all diese, von mir kurz anskizzierten, Probleme kleinzureden. Ich finde es falsch Burn-Out-Erkrankungen als eine Modeerscheinung abzutun oder im Bezug auf schwerwiegenden, psychischen Erkrankungen die „selbst-schuld-Keule“ zu bringen. Viele Menschen haben da wohl einfach die Emotionalität verloren. Wieder eine Erkenntnis, wo ich mich frage: „Wo ist die Romantik geblieben?“
Und nun möchte ich noch auf die schwarze Szene zu sprechen kommen. Über die Veränderungen in dieser Szene wurde an dieser Stelle wahrlich schon viel berichtet und geschrieben. Mir soll es an dieser Stelle gar nicht mal um Cyber-Goths, Militäruniformen oder den ganzen schwarz-pinken Karneval drum herum gehen. Mir geht es vielmehr um das verloren gegangene Lebensgefühl. Als ich damals in die Szene gekommen bin, das war Mitte der 90er, war die Gothic-Szene irgendwo noch familiärer. Sicher, die typischen Püppchen gab es schon damals, aber wenn man die Menschen gefragt hat, wie sie zur Szene gekommen sind, folgten häufig Geschichten über zerbrochene Familien, über Krankheiten oder allgemein über das Gefühl einfach nicht verstanden zu werden. Es war damals ein Auffangbecken für Menschen, die sich durch ein bestimmtes Lebensgefühl gegenseitig halt gegeben haben. In den Clubs gab es keine unsinnigen Dresscodes, häufig verlief alles sehr familiär. Und genau diese Mentalität ist seit Anfang der 2000er zunehmend verloren gegangen. Wenn man die heutige Generation fragt, dann wissen viele nicht, warum sie so sind wie sie sind. Mit der expliziten Auseinandersetzung mit mystischen, historischen und manchmal spirituellen Themen lernte man mit seiner eigenen Melancholie umzugehen. Und genau das gab der damaligen Szene in meinen Augen eine gewisse Romantik. Von der Gesellschaft war man ausgestoßen, als Satanist gebrandmarkt und manchmal sogar als Mörder tituliert. Und wann immer man jemanden „seinesgleichen“ gesehen hat, hat man sich richtig gefreut, kam ins Gespräch, hat sich kennengelernt. Manchmal wünsche ich mir diese Zeiten der krassen Ausgrenzung zurück, so seltsam das klingen mag. Aufgrund dessen, dass man so häufig auf Ablehnung stieß, wurden die eigenen Sinne von der Oberflächlichkeit abgelenkt. Heutzutage wird man ja schon schief angeschaut, wenn man nicht mit den neuesten XtraX Klamotten unterwegs ist, sondern einfach nur schlicht mit schwarzer Hose und schwarzen Hemd. Ich habe den Eindruck, dass Provokation und auch hier – Status! – im Vordergrund stehen. Diese Szene unterscheidet sich doch nicht mehr im Geringsten zum Rest der Gesellschaft. Wo ist nur die Romantik geblieben?
Aber ich möchte meinen Blogtext nicht so deprimiert beenden. Es gibt sie noch, die Inseln der Romantik. Sei es aller paar Monate in Leipzig bei der wunderbaren Blauen Stunde, sei es in der Natur umgeben von Waldgeistern und der Magie der Natur oder sei es nur beim hören schöner Musik. Wichtig ist, dass man sich den Blick für diese Dinge erhält. Wichtig ist zudem, dass man andere Menschen nun mal so behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte. Befolgen wir alle diese einfachen Ratschläge, auch wenn es manchmal schwer fällt und irgendwo immer in Arsch unterwegs ist, dann ist diese Welt gleich ein Stückchen lebenswerter, oder?
Ich freue mich auf Eure Kommentare zu meinem ersten Text hier bei den Spontis. Wer sich nicht öffentlich äußern möchte, mir aber dennoch eine Nachricht zukommen lassen will, kann das gern unter Axel@darkfeather.de tun. Ansonsten möchte ich mich bei Euch mit folgendem Song verabschieden. Er passt gerade zu meinem Empfinden…



hat bereits 22 Kommentare abgegeben und schrieb am 5. September 2012 um 13:26:
um 1900 an einer Überdosis Wagner gestorben. Im Kitsch ersoffen. Assimiliert (man denke gefälligst an Star Trek und nicht an 18hundertschlagmichtot). 10 oder 100 oder 200 Jahre eher geboren zu sein, wäre manchmal sehr schön.
Ansonsten glaube ich nicht, dass das, was Du über die “Szene” geschrieben hast, nur-szenespezifische Probleme trifft. “Anything goes” scheint das Motto der Zeit zu sein. But if anything goes, what will remain? Popmusik und Werbung suggerieren eine Sehnsucht nach Leben, ohne je zu sagen, was genau ersehnt ist. So entsteht, wenn man den Fehler macht, ihnen zu glauben, ein dauerhafte Gefühl eines Mangels, der niemals behoben werden kann, weil nie klar ist, an was es mangeln solle. Ein permanenter Mangel evoziert Angst. Die Menschen scheinen Angst zu haben um ihr Leben, oder es schon aufgegeben zu haben. Wer Arbeit hat, findet nicht den Punkt, an dem es genug ist für heute, für diese Woche, für diesen Monat. Und wenn der Feierabend erzwungen wird, verschwindet nicht die Angst und treibt zu weiterer Aktivität, auf der Suche nach der Erfüllung des vermeindlichen Mangels. Nichts überdeckt Leere so gut, wie Aktivität. Wie aber kommt es zu dieser Leere-ohne-Aktivität?
Meine Vermutung: Durch einen tatsächlichen Mangel an Geist, den zu pflegen es eben braucht, dass man eine Zeitlang stillhält, um nachdenken zu können (Erich Fromm hat das Problem in “Die Kunst zu Lieben” schon in den 1950ern besprochen; schon Goethes Werther (obwohl ich ihn nicht ausstehen kann) hat sehr richtig angemerkt: “Es ist ein merkwürdiges Ding um das Menschengeschlecht: Die meisten verarbeiten ihre meiste Zeit, um zu leben, und das wenige, was ihnen an Leben übrig bleibt, ängstigt sie so sehr, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden” ). Und nachdenken sollte man: Darüber, was man eigentlich will; mithin, ob man einen Mangel im Leben hat und wie man ihn beheben möchte; was man zum Leben braucht und wie man merkt, wann man genug hat.
Ich hoffe, Deinen Romantikbegriff damit in Deinem Sinne aufgegriffen zu haben, denn meine Schlussfolgerung daraus kann untypisch erscheinen: Romantik ist an sich nichts, was der Vernunft widerspräche; Die Vernunft erfordert sie und sie braucht die Vernunft, weil wir Romantik brauchen, um wirklich leben zu können, und nicht bloß Produktions-Konsumptions-Maschinen in den Kalkülen anderer Leute zu sein.
hat bereits 24 Kommentare abgegeben und schrieb am 5. September 2012 um 17:34:
Wo die Romantik hin ist?
sba erwähnte schon die Sehnsucht in der Werbung. mir fällt spontan die Heimatdusselei der Volsktümler und wie die traditionsbewussten Scheuklappenträger noch heißen, die Gefühlsdusselei in Schlager (letzten meinte ich in Wolle Petris “Wahnsinn warum schickst du mich in de Hölle” sogar schwarzromantische Motive feststellen zu können), in Telenovellas und bei Twilight… ein.
Die Ablehnung des Konsums und des Calvinismus ist wichtiger und das in dieser Gesellschaft nicht assimilierbare, aber täuschen den Eskapismus die Indies und Esotheriker nicht besser vor?
hat bereits 22 Kommentare abgegeben und schrieb am 5. September 2012 um 18:29:
hä? bitte präzisiseren: Meinst Du scheinbares entkommen in (evtl. noch vorgefertigt durch den Äther flimmernde) Träumereien, oder ein Entkommen durch die Realisierung eines anderen Entwurfes?
Übrigens ein paar sehr hübsche weitere Beispiele gefunden. Scheint, dass Geistlosigkeit massenhaft Scheingeister herbei lockt, die alles (un)mögliche in einen reinstopfen wollen, wenn man nicht aufpasst…Scientology, ZJ, Mormonen, 1st CoS, Hare Krishna etc. könnte man auch in der Richtung abklopfen, wenn man Lust hätte, sich mit ihnen anzulegen…und dann die ganze Ratgeberliteratur, die uns wahlweise mehr Verantwortung auflädt, als ein Mensch tragen kann, oder die Verantwortung für alles abnehmen will…
MfG nach Nebenan
das S
hat bereits 24 Kommentare abgegeben und schrieb am 5. September 2012 um 18:40:
Ich mein eine Beschäftigung mit Alternativen Lebensmodellen und auch anderen Kulturen und deren Umsetztung. Ich denke, da hätte ich eher den Überbegriff “Alternativen” nennen sollen. Jetzt fällt mir die in der schwarzen Scene, auch noch aus der Romantik übernommene Verklärung des Mittelalters ein. aber meine mit Escapismus nicht die harmlosen Träumereien.
hat bereits 123 Kommentare abgegeben und schrieb am 5. September 2012 um 22:12:
Wo die Romantik geblieben ist? Vielleicht traut sie sich nicht mehr in Erscheinung zu treten. Ein besonders positives Image hat sie nicht, wird sie doch zu gerne (und zu schnell?) mit Kitsch assoziiert.
Okay, ein wenig ernsthafter: Ich finde es schön, dass du die Informationsgesellschaft nicht als Ursache für den Verlust der (inneren) Ruhe der Menschen siehst, sondern mehr als Katalysator, der diese Entwicklung vorantreibt. Zu viele solcher Artikel enden nämlich meiner Meinung nach viel zu schnell in einer romantisierten(!) Sicht auf die Vergangenheit -- “Früher war alles besser!” -- die mit einer gewissen Technikfeindlichkeit einhergeht. Dabei sehe ich hier einen ähnlichen, nur scheinbaren Widerspruch wie den, den sba schon angesprochen hat: Romantik und Vernunft widersprechen sich nicht, ebensowenig, wie die modernen Entwicklungen unserer Zeit prinzipiell der Romantik entgegenwirken. Beides kann, nein, sollte nebeneinander existieren, damit sich beide Aspekte gleichsam gegenseitig anreichern als auch ausgleichen. Darum habe ich nie verstanden, warum einige Leute, die sich als “Romantiker” bezeichnen, der Technik oder dem Fortschritt allgemein latent feindlich gesinnt sind. Für mich gehört das zusammen: die Fähigkeit, abzuschalten, die Welt Welt sein zu lassen oder einen schönen Teil von ihr in aller Ruhe zu betrachten und nichts weiter zu tun als auch wiederum die Fähigkeit, sich über die Neuigkeiten aus aller Welt en detail informieren zu können. Ich möchte weder das eine noch das andere missen.
Genauso ist es mit der Romantik und der Vernunft: Ich betrachte mich als jemanden, dessen Weltbild ziemlich fest in der (überprüfbaren) Wirklichkeit verankert ist und das keinen Aberglauben, ob institutionalisiert oder nicht, zulässt -- was nicht heißen soll, dass ich anderen den Spaß nehmen will oder gewisse damit assoziierte Rituale nicht ebenso faszinierend finde. Ich glaube eben nur nicht daran, dass sie mehr sind als menschliche Erfindungen. Ich will die Welt begreifen, sehen, was sie im Innersten zusammenhält (um nochmal Goethe zu zitieren) und mich nicht davon abhalten lassen, nur, weil das der Welt in irgendeiner Weise “den Zauber” nähme. Ganz im Gegenteil: Gerade das macht sie ja so faszinierend. Und mit der Faszination kommt die Möglichkeit, sie bzw. einen Teil, einen Moment von ihr zu genießen. Sei er nun menschengemacht (Musik und andere Kunst, z. B.) oder nicht (für schöne Landschaften kann ich mich immer begeistern).
Was die Romantik in der gesamten Gesellschaft angeht: Tja, eine gute Frage, wo sie geblieben ist. Sie wird gesellschaftlich wohl tatsächlich nicht mehr geschätzt, wie ich zu Beginn schon schrieb. Wer “romantische” Ideen von der Welt hat, wird gern als jemand dargestellt, der in einer Traumwelt lebt oder die harte Realität nicht akzeptieren möchte -- als sei diese Eigenschaft also eine Schwäche. Ist es die Übernahme von Rhetorik aus dem Unternehmertum, die dort, in ihrem Bereich, ihre Existenzberechtigung hat, aber bei der Beschreibung einer Gesellschaft und ihrer angestrebten Ziele nichts zu suchen haben sollte? Dinge werden danach bewertet, ob sie einen Nutzen haben. Dein Beispiel mit der Curiosity zeigt das ziemlich gut: Die Fragen, was ein weiterer Roboter auf dem Mars denn für die alltäglichen Probleme auf Erde bringe und ob man In Diesen Schwierigen Zeiten™ denn nichts Nützlicheres mit dieser riesigen Summe von über zwei Milliarden Dollar anfangen könne, kamen wie erwartet ziemlich schnell auf. Mal ganz abgesehen von Fehlern in der Logik finde ich solche Fragen aus einem ganz anderen Grund traurig: Ein solch faszinierendes Projekt, das das Wissen der gesamten Menschheit erweitert und Raum für Visionen und Träume bietet, wird zerredet. Etwas, das einem die Faszination des Universums bringt, einem hilft, innezuhalten und über das zu staunen, was da draußen ist. Vielleicht ist das nicht originärer Bestandteil von Romantik, für mich ist es ihr aber zumindest recht nahe: Weil ich den Moment genießen kann, indem ich ein Panorama vom Mars sehe und daran erinnert werde, wie faszinierend doch unsere Umgebung ist und wie faszinierend der Mensch ist, dass er so etwas zu leisten imstande ist.
Nein, Visionen werden zerredet, man hat sich gefälligst der harten Wirklichkeit zu widmen. Und weil man die auf Dauer nicht verträgt, muss man sich eben zweimal pro Woche ins Koma saufen. Ich habe nie verstanden, warum man das tut und was daran eigentlich so “spaßig” sein soll. Ich bin nun nicht abstinent, aber wenn ich alkoholische Getränke zu mir nehme, dann genieße ich sie und trinke sie nicht, um möglichst schnell nichts mehr davon mitzubekommen. Aber gut, das kann natürlich auch eine Folge des “höher, schneller, weiter” sein, dass einen in der Woche beherrscht. Und wie du (vermute ich) habe ich da einen Punkt gefunden, was ich noch mitmache und was nicht. Wenn ich einige Dinge durch diese Einstellung nicht erreiche, nun gut, dann ist es eben so.
In der Kurzfassung: Romantik ist gesellschaftlich anscheinend nicht mehr en vogue. Warum? Weil man sich offenbar entschlossen hat, Dinge -- und Menschen -- (nur noch) nach ihrer Nützlichkeit zu bewerten. Ob Romantik eine Realitätsflucht ist? Nein, ganz und gar nicht. Denn beide Seiten ergänzen sich wunderbar: Man kann die Realität als das betrachten, was sie ist, sie aber auch die Zeit nehmen, sie mal zu ignorieren. Was der Gesellschaft also wohl verloren gegangen ist, ist die Fähigkeit, eine gute Mischung aus beidem zu finden.
hat bereits 1 Kommentar abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 09:46:
Du siehst teilweise nur das Offensichtliche. Die Romantiker waren zu jeder Zeit eine Randgruppe, die man mit der Lupe suchen mußte. Wichtig ist, dieses Gefühl für sich selbst zu finden, nicht auf andere oder die Öffentlichkeit bezogen.
Und in der “schwarzen Szene”: Der Kern, der die von Dir beschriebenen Werte noch lebt, ist nach wie vor da. Daß diese Bewegung auch zur Modeerscheinung verkommen ist, war abzusehen, aber ist kein wirkliches Problem. Das geht vorüber. Und dann bleibt wieder der Kern. Wenn Du Dich mit den entsprechenden Leuten austauschen willst, dann such Dir doch diese Leute und lass den Rest sein Zeug für sich machen.
hat bereits 22 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 14:33:
Okay, ich glaube, zu verstehen…Jedoch gilt immer, dass man (von irgendetwas) leben muss, also die Alternative entweder in der Freizeit manifestieren oder so organisiseren, dass man davon leben kann -- und sofern die Alternative nicht die Grundnotwendigkeiten mitumfasst, wird einem dann kaum etwas übrig bleiben, als in Handelsaustausch mit dem Rest der Welt zu treten. Wo dann vermutlich die Einfallspforte für den Zeitgeist ist: Neben jenen, die den Entwurf bejahen, unterstützen und mitmachen wollen, wird man auch solche “Kunden” haben, die das, was man macht und anzubieten hat, aus anderen Gründen toll finden (irgendbwie geistert mir als Beispiel gerade “Steampunk” durh den Kopf, wovon ich aber evtl. nicht genug weiß. Zusamen reime ich mir, dass es neben den Bastlern eben auch viele gibt, die sich bloß gerne entsprechend kostümieren. Hatte da neulich so eine Begegnung, die mir klar gemacht hat, dass “Dress Code” nicht mehr funktioniert, weil ich dem Dress keine Informationen über den Träger mehr entnehmen kann (in diesem Falle also z.B. nicht (mehr) davon ausgehen kann, dass jemand in entspr. Klamotte sich z.B. mit dem Geistesleben im sppäten 19ten Jh. auskennt oder beschäftigt hat oder sich dafür interessiert—ein paar vielleicht böse klingende Unterstellungen, aber eigentlich bloß: Kleider machen keine Leute mehr; und sagen auch kaum etwas über Leute). Auf der anderen Seite kann ich auch niemandem einen Vorwurf daraus machen, wenn er genau davon lebt.)
^^ “Die Welt Welt sein lassen” ist eine interessante Formulierung. Der Kontext bedingt bei Dir eine ganz bestimmte Bedeutung des Rückzuges von der Welt und “inneren Kontemplation” (vielleicht); Sie kann aber auch die Gegenbewegung bedeuten: eine Bewusste, Besondere und genießende Hinwendung zur Welt. Ich konzentriere mich auf einen Teil oder Aspekt der Welt und finde Wohlgefallen an ihm und seinem Zusammenhängen mit allem anderen (hm, klingt iergendwie nach dem, was NatWiss und Ing.se auch machen). Zum dritten kann es auch bedeuten, die “normale” Lebenswelt der angeblichen Mehrheit eben dieser Mehrheit zu überlassen und sich (für eine Weile) nicht darum zu kümmern. In dieser Mehrdeutigkeit könnte “Die Welt Welt sein lassen” sehr gut der Titel eines neuen Romantischen Manifestes sein.^^
Übrigens auch faszinierend, wie viel an Landschaften eigentlich menschgemacht ist. Meine geliebten mecklenburger Bodenwellen etwa wären gar nicht sichtbar, wenn nicht irgendwann der ganze Waldbestand für die Landwirtschaft gerodet worden wäre — Schönheit aus Nützlichkeit. Win-Win.
Und genau das ist das Paradoxon an der Lage: Romantik ist nützlich. Zwar nur mittelbar materiell (als Folge des unmittelbaren Nutzens), aber unmittelbar spirituell und für die Lebensqualität.
Ähnliches gilt übrigens für Curiosiy. Ich habe unlängst die Bierlaunenthese abgeschossen, dass die Zukunft des Metallbergbaus zwischen Mars und Jupiter im Planetoidengürtel liege. War dann bass erstaunt, Recht zu bekommen mit Hinweis auf die hohe Korosionsrate bei der Metallverarbeitung. Wenn das stimmt, dann kommen also: Hinkommen, abbauen, sicher zurückbringen. Das ist doch spannend!
Aber es kann schon deprimierend werden, sich so in eine andere Welt zu katapultieren…es braucht, denke ich, auch eine Möglichkeit, mit nicht-Romantikern umzugehen, ohne dabei herablassend oder schlimmeres zu werden. Ditto für die Szene in Kern, Rand und Außen.
MfG an Alle
hat bereits 154 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 17:41:
Und das am Geburtstag von KasparDavid Friedrich! Wie feinfühlig von der Redakion! Romantik hat den Rückzug ins Private angetreten. In der Öffentlichkeit wird es als nicht angemessen empfunden. Solange sich keiner über den anderen erhebt und glaubt, sie/er sei was Besseres, nur weil sie/er den Mut hat so zu leben, wie es individuell stimmig scheint, kann ich mit fast allen Facetten des Menschseins leben.
Ach ja, ich kommentiere zumeist zugfahrend mit dem iPad und höre dabei Musik. Zumeist liebe ich Verfügbarkeit und Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeit! Aber vielleicht sollte ich mal einen Brief an spontis.de schreiben?
hat bereits 322 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 19:06:
Na sowas. Ich habe die umjubelte Zeit ganz anders in Erinnerung. Es war eine Zeit des Umschwungs. Gothic/Wave waren für mich mehr oder weniger tot. Von allen Seiten wurde man mit Müll zugeschüttet, es begannen Leute sich als Goths zu bezeichnen, die in ihrem ganzen Leben noch nicht eine Goth-Klampfe vernommen hatten. Mitte der 90er und die darauffolgenden Jahre waren einfach grässlich. Lacrimosa und andere Schlagerkapellchen machten das Rennen, deren Fans wiederum verwechselten Romantik mit schwulstigem Herzschmerz-Kitsch. Denen hätte man auch ‘ne Kuschelrock-Platte verkaufen können.
Und dann diese Popgrüppchen auf VIVA, die ehemals soetwas wie Wave-Musik fabrizierten. Wolfsheim, Pitchfork, Oomph!, Witt, … allesamt angepasste, verbogene Musikkapellchen, auf Erfolg getrimmt. Wie das Publikum zu der Zeit aussah, kann man sich denken.
Ich kann Dir ja mal erzählen, wie es vor Mitte der 90er war: Cliquenkriege, Klamottenlästereien, Trveness- und Untrveness-Gezanke wie in der Metalszene. Die kurze Zeit zwischen Mitte und Ende der 90er nimmst Du wahrscheinlich deshalb so angenehm wahr, weil eine Jugendkultur, in dem Falle die Gothic-Wave-Szene, stark vom Verfall und der Orientierungslosigkeit geprägt war. Damals ist ein großer Teil der älteren Generation abgewandert. Wer wusste denn zu dieser Zeit noch, was Gothic eigentlich mal war? Die ganzen Noobs konnten doch nicht einmal ‘ne Punk-Klampfe von ‘ner Heavy-Metal-Gitarre unterscheiden. Rammstein und ähnliches Gedödel wurde konsumiert und die Kids hielten das immer noch für Goth. Das Desinteresse an echter Goth- und Wave-Musik war da schon ganz groß im Kommen.
Die Definition von Romantik war auch eine ganz andere. Dabei ging es ganz sicher nicht um Schmusestunden bei Kerzenlicht. Romantik besaß vielleicht die alte Gruftszene in ihrer Morbidität und ihrem friedhöflichen Gestank. Und diese Romantik, schwarze Romantik, ging schon in den 90ern verloren.
Taten sie auch schon vor zwanzig Jahren, vor hundert Jahren, und sicher auch schon zu Zeiten Hammurapis. Wer die heutige Gesellschaft als emotional kalt empfindet, hat die 80er nicht erlebt, als man Grufties noch verprügelte und in Arbeitslager stecken wollte.
hat bereits 123 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 19:13:
@sba:
Jein, ich habe auch in dem Kontext schon sowohl die erste als auch die zweite Bedeutung gemeint, wobei ich letzteres vor allem durch “…oder einen schönen Teil von ihr in aller Ruhe zu betrachten…” ausdrücken wollte. Die Brücke zu den Naturwissenschaften passt da wunderbar, weil es die Verbindung von Romantik und Vernunft ist: Das Schöne der Welt erkenne ich dadurch, dass ich es verstehe.
Bedeutung Nummer drei muss man tatsächlich auch schon mal anwenden. Wobei das in unterschiedlichen Ausprägungen auch ständig geschieht, schließlich kümmert man sich sowieso nicht um jeden Trend, der gerade angeblich total angesagt ist.
Und ich habe ihn geliefert? Nicht schlecht ;)
@tobikult:
Ein iPad? Du Konsumopfer ;)
Aber ernsthaft: Wie ich ja zuvor schon schrieb, meine ich, dass sich das ganz gut miteinander verträgt. Axel wollte meiner Meinung nach auch nicht die neuen Kommunikationsmöglichkeiten als Ursache des Verlusts der Romantik geißeln, sondern mehr, dass es dadurch einfacher geworden ist, sich dem Informationsstrom nie zu entsagen. Sprich, am Ende steht immer noch der Mensch mit seiner Entscheidung, aber die Technik hilft ganz gut. Dem möchte ich zwar auch nicht ganz zustimmen, es ist aber nun nicht so, dass ich in dem Beitrag Technikfeindlichkeit vermute. Gut, vielleicht wolltest du das auch gar nicht andeuten… ;)
hat bereits 179 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 20:12:
@Death Disco:
Meinst Du nicht, dass Du jetzt extrem verallgemeinerst? Aus Deinen Worten lese ich diesen gewissen “Elite”-Kram heraus, der mich schon immer genervt hat. Ich kann Dir von meinem persönlichen Umfeld damals berichten. Da waren nicht Rammstein oder Marilyn Manson en vogue, sondern solche Bands wie sToa, Angizia, Empyrium, Tenhi, Dreadful Shadows, die oben verlinkten Sleeping Dogs Wake und ähnliche Bands. Natürlich bin ich damals auch durch Lacrimosa und Goethes Erben musikalisch zu der Szene gekommen. Beide höre ich auch heute noch sehr gerne. So what? Ich würde mir ja wünschen, dass die heutige Generation mal Songs von Wolfsheim & Co. anhört.
Aber Du beziehst mir das viel zu sehr auf die Musik. Wie ich damals die Szene kennengelernt habe, waren sehr viele Menschen einfach in dem Sinne offener, dass neue Menschen nicht gleich als “Pseudo” und ähnliches deklariert wurden. Natürlich gab es auch damals schon die elitären Hochkantnasen, von den man sich aber leicht fernhalten konnte. Viele Menschen die ich damals kennengelernt habe in der Szene haben in gewisserweise eine Erfüllung, eine innere und auch spirituelle Erfüllung gefunden. Natürlich waren viele auch selbsreflektiert. Und das wichtigste: man versuchte sich nicht diesen Gesellschaftswerten unterzuordnen. Es war scheiß egal ob du mit zerrissenen Jeans und Bon Jovi Shirt in den Club gegangen bist oder im Rüschenhemd und Mantel. Wenn Du heute dagegen den typischen XtraX Style nicht mitmachst, wirst Du von allen ziemlich doof angeguckt.
Kann natürlich sein, dass es regional unterschiedlich war.
hat bereits 322 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 21:05:
Hier geht es nicht um Elite. Hier geht es um das, was es war und um das, was daraus gemacht wird. Es war nun mal vorrangig eine Musikszene. Ich kann mit dieser ganzen nachträglichen Verklärung überhaupt nichts anfangen. DAS hat mich schon immer genervt. Die tolle Szene, wie sie doch angeblich war und wie sie doch unbedingt sein müsste. Friedvoll, spirituell, ultratolerant, blah blah. Da schimmert dann immer diese muffelige New-Age-Hippie-Attitüde durch und man könnte meinen, irgendeiner schmeißt gleich ein Peace-Zeichen und seine Wasserpfeife in die Runde und singt lauthals “Give Peace a Chance”. Gütiger Gott, verschont mich damit. Die Leute vergessen einfach, dass das schwarze Gebräu ein Punk-Abkömmling war. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass Grufties nun allgemein sonderliche Naturfreunde waren. Du liebe Güte. Das waren doch keine Folkies.
Erscheint mir logisch. Wenn man das Richtige nicht kennt, kann man etwas anderes auch nicht als falsch deklarieren. Jede Szene besitzt ungeschriebene Regeln und Orientierungspunkte. Die Musik war dabei einer der Hauptorientierungspunkte. Ein Großteil der Szene, wie sie Ende der 90er existierte, hatte von den ganzen geschichtlichen Hintergründen doch so gut wie keine Ahnung. Da müssen wir auch nichts schönreden. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Elitenscheiße hin oder her. Das gesamte Konstrukt war zu jener Zeit nur ein orientierungsloses Häufchen Elend, das sich in irgendeiner Fantasiewelt rekelte und das sich auf oben erwähnte Popgrüppchen stützte, Sachen wie Goethes Erben auch nur noch dann konsumierte, als Henke seine NDT-Trilogie schon längst hinter sich gebracht hatte. Ich bleibe dabei. Die zweite Hälfte der 90er, samt Szene und Szenemusik, war einfach grottig.
hat bereits 46 Kommentare abgegeben und schrieb am 6. September 2012 um 22:05:
@Death Disco
unterschreib ich in allen Punkten/
toleranz gab es nie, alleine schon an der haarlänge wurde trueness festgemacht, romantik war die friedhofsromantik einer kleinen minderheit die aber auch nix mit dem romantik-empfinden heutiger samtläppchen was zu tun hatte. sie war verucht, provokant, bizarr, occult und bitter böse. all die bösen sachen von den sich heute grufts gern distanzieren und es in die welt der bildmythen abtuen wollen gab es doch.. särge, urnen, gruften und knochen… drogen, blut und rituale waren gang und gebe.. zumindestens im osten der republik.
hat bereits 17 Kommentare abgegeben und schrieb am 7. September 2012 um 07:56:
Warum habe ich jedesmal, wenn ich blogs und Foren über “Gothic” lese, den Eindruck, Death Disco ist einer der Wenigen, die erlebt haben, was ich in meiner Jugend gesehen habe. Wer wir waren, wie wir waren. Der rühmliche Rest erinnert mich immer nur an ein selbst zurecht gedrehtes Bild, weil man es haben möchte, damit man selbst womöglich mit seinen Vorstellungen hinein passt, und ich merke ganz deutlich, dass es sich früher anders angefühlt hat. Dass es das nicht war. Eine völlig andere Intention. Ich bin viel zu müde geworden, den Kopf zu schütteln. Was heute als Gothic deklariert wird, entspricht nicht mehr dem, was mich früher bewegt hat. Ich glaube auch nicht, dass es wie damals sein kann, denn ich halte selbst die Musik, die in ihrer Zeit entsteht, wie der Punk auch, für eine Reaktion der Jugend im Wechsel mit Umwelt und Umstände, wie jede Generation ihren eigenen Weg des Protestes und Ausdruck hervorbringt. Heute fehlt der Kontext und all die Bezüge, niemand kann das Zeitgefühl unserer Jugend nachempfinden, der es nicht gelebt hat. Da kann niemand etwas für, es ist einfach ein Unterschied, mittendrinnen und Teil gewesen zu sein oder etwas nur zu adaptieren und zu kopieren. Ich kann nicht einmal die Retro-Welle ernst nehmen, weil es, ganz gleich wie sehr es versucht die 80´er nachzuahmen, sich nicht genauso anfühlt, wie damals etwas durchgezogen zu haben, weil man mit dem andere nicht konform gehen konnte/wollte. In den 90´ern wurden Betitelungen wie Pseudo und Poser in fast allen Subkulturen benutzt und selbstverständlich hatten viele ein Bild, was und wen man ernst nahm und wen nicht. Von wegen allumfassende Toleranz. Nachdem Gothic bereits in der Bravo erschien und Mail-Order-Kataloge umgingen, gab es auch damals schon die Mode-Grufts, wo es nicht mehr um den Ursprung und Grenzgänge ging, sondern darum, die Coolness und Styleness gepachtet zuhaben. Irgendwann hatte ich wahnsinnige Schwierigkeiten, die Leute auf den ersten Blick noch einschätzen zu können, die Verpackung entsprach nicht mehr dem Inhalt und Symbolik hatte nicht mehr die Aussagekraft, deren Code man vorher vertrauen konnte. Hat nicht viel mit der verloren geglaubten Romantik zu tun, aber die letzten beiden Beiträge haben mir wieder gezeigt, dass ich meinen eigenen Erinnerungen noch Glaube schenken darf. Heute hat doch niemand mehr den Schneid, sich wirklich ins Abseits zu stellen und die Gesellschaft mit einem müden Lächeln zur Kenntnis zu nehmen und tatsächlich anders zu fühlen und anders zu handeln. Auch viele, die meinen, sie hätten den gelobten Freigeist, empfinde ich immer noch als angepasst, vor allem im Alltag, wo sich das leben abspielt. Beieindrucken kann mich heute nichts mehr an und in der “Szene”, die zwischen Kitsch und Kunst gar nicht mehr unterscheiden kann. Dunkle Romantik kommt heute wie brave, politisch korrekte, zuckersüße Püppis daher. Eigentlich mit allem, was man einmal abgelehnt hat.
hat bereits 62 Kommentare abgegeben und schrieb am 7. September 2012 um 09:19:
Es scheint so, als hätte jede Dekade ihre eigenen Ansichten. Ich denke, dass die 80er, die 90er und die 00er jeweils ein andere Spezies “Goth” hervorgebracht haben. Was ich von Goth in den 80er erlebt habe, deckt sich in weiten Teilen mit den Ansichten von Death Disco und Heimfinderin. Es wird viel zu viel hinein interpretiert. Schaut man sich einige von den alten Videos und Artikel hier im Blog an, wird einiges “entzaubert”.
Schaut man sich den Trailer zu Cooltour -- Jugendszene 1985 an, erhält man einen ziemlich objektiven Blick auf die Dinge.
Vieles, was wir heute als “Romantik” empfinden, wurde in die Szene hineingetragen. Die 90er begannen, der Fall der Mauer sorgte für einen großen “Szene-Zusammenschluss”, die Mitglieder wurden älter und einige begannen damit, immer mehr Inhalte in die einstige Jugendkultur zu tragen. Death Disco umschrieb es ziemlich passend mit “Orientierungslosigkeit”. War das schlecht? Nein, ich finde nicht -- für mich ein Grund zurückzukehren und auch ein Grund diesen Blog zu betreiben. HEUTE ist Gothic mehr als Musik und coole Klamotten und dennoch ist ein Großteil der Szene IMMER NOCH darauf aus, untrue oder true zu sein.
Was wir meiner Ansicht nach haben, ist ein klassischer Generationenkonflikt. Die “80er” können mit dem ganzen Inhaltgedusel nichts anfangen, die “90er” haben sich ihr eigenes Weltbild zurechtgelegt und die “00er” kopieren beides und mischen es zusammen. Immer neue Definition und immer verklärtere Bilder voneinander sorgen für Diskussionsstoff. Was zurückbleibt ist Verwirrung und Unverständnis.
Der Begriff “Familiär” erscheint mir in diesem Zusammenhang auch etwas verklärt, der nur dadurch entstand, dass Gothic noch nicht so im Mainstream angekommen war, wie es heute den Anschein hat.
Für mich bleibt die Frage: Wie viel von all dem, was heute in der Szene präsent ist nehme ich an, wieviel lehne ich ab? Ich für meinen Teil schätze es sehr, dass sich die Szene in einigen Teile weiterentwickelt hat (inhaltlich) und nehme einiges davon an. Bei Styling wünsche ich mir tatsächlich ein wenig mehr Intoleranz. Daran finde ich nichts schlimmes. Den meisten stößt es auf, wenn Gothics aus anderen Generation ihre Essenz von der Vergangenheit präsentieren, weil sie es anders empfunden haben. Vielleicht ein menschlicher Prozess, wir erinnern uns an Dinge an die wir uns erinnern wollen.
Zum Thema: Wo ist die Romantik geblieben?
Michael Sonntag bringt es auf den Punkt, ich würde sogar sagen, Axel beschreibt nur das Oberflächliche, meint aber das Richtige. Romantik ist für mich auch untrennbar mit “schlechten” Gefühlen verbunden. Schmerz, Sehnsucht und Leid. Der Wunsch nach einer besseren Welt, die Flucht aus der Realität. Und wieder stimme ich Michael zu, denn diese Ansichten findet man ebenfalls in der Szene. Gedankliche Realitätsflucht, daran ist nichts schlechtes.
Und jetzt der Brückenschlag zur herrschenden Diskussion: In den 80er gab es kaum eine Spur von solchen Gedanken, das kam später erst dazu. Man kann es ablehnen oder annehmen. Romantik wurde auch in der Szene verkitscht, Death Disco lehnt das zu Recht ab, anderen definieren das als Grundlage. Ich glaube es ist unausweichlich, dass viele verschiedene Ansicht aufeinanderprallen und das ist auch gut so. Man muss nicht alles tolerieren. Szene ist, was wir daraus machen und was spricht gegen eine Erweiterung des Horizonts durch herrschende Einflüsse?
@tobikult: JAAA! Endlich hat es einer erkannt. Als alter SEO-Hase habe ich natürlich mit genau diesem Gedanken gespielt, denn Romantik ist am 5. September sicherlich ein öfter gesuchter Begriff. Warum als nicht Caspar’s Vermächtnis aufgreifen und davon profitieren? Goth hab ihn seelig, den Herrn Friedrich!
hat bereits 5 Kommentare abgegeben und schrieb am 8. September 2012 um 23:35:
Was du hier als Romantik bezeichnest habe ich für mich bisher immer eher mit Freiheit verbunden. So eine Art von Freiheit, die aus einer gesunden Portion Gleichgültigkeit und “kalkulierter” Ignoranz resultiert…
Ansonsten bringst du die Probleme, die ich allgemein mit unserer “modernen” Welt habe aber sehr gut auf den Punkt.
hat bereits 22 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. September 2012 um 13:02:
hm. interessant…wäre mir ehrlich gesagt zu pass gekommen, wenn, wie ich kurz vermutete, die Definitionsfrage von Gothic/ schwarzer Szene losgegangen wäre (was ich in 15 Jahren nicht erfolgreich hinbekommen habe) -- das mit dem Generationenkonflikt scheint dazu im Widerspruch zu stehen, zeigt aber möglicherweise auch einen weiteren Aspekt der selben Frage auf: Wie viel kann sich ändern, ohne dass es was anderes wird?
hat bereits 17 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. September 2012 um 19:49:
Hm. Was ich da so von Death Disco lese, kann ich selbst z.B. nicht so unterschreiben. Ohne das verklären zu wollen: ich habe das anders erlebt. Zwar habe ich ja überwiegend Zeit in der Provinz verbracht, aber auch viel im Ruhrgebiet, Berlin, Bremen, Bielefelder Raum. Vielleicht hat das einfach auch damit zu tun, mit welchen Leuten man sich umgibt. Für mich war die Szene seit Mitte/Ende der 80er (also seitdem ich dabei bin) immer eine familiäre. Bis auf wenige “Ausrutscher”, die aber auch meist oberflächliche Bekannte waren, habe ich offenbar viel Glück gehabt, was mein Umfeld anging. Zumindest, wenn ich das hier so lese. ;) Was stimmt: ab Anfang/Mitte der 90er hat sich vieles zum negativen verändert, auch, was die Leute betrifft.
hat bereits 243 Kommentare abgegeben und schrieb am 10. September 2012 um 20:03:
Ich glaube, dass auch regionale Entwicklungen entscheidend für die Veränderungen innerhalb der Szenestruktur sind. Ein Grufti aus Baden-Württemberg hat sicher andere Ansichten als z.B. ein Grufti aus Berlin. Es gibt auch viele “alte Hasen”, die die Entwicklung nicht ganz so kritisch sehen. Ich denke, es ist so ähnlich, wie Death Disco es sagt: Die 80er-Generation war eher nüchtern, so wie viele englische Waver als reine Musikszene bedacht, aber solche Gedankengänge gibt es ja auch heute. Dass es auch okkulte Leute wie in den 90ern gibt, ist klar. Für mich ist das kein Generationenkonflikt sondern total aktuell. Für die einen ist Gothic nur eine Musikrichtung, für die anderen eine Lebensweise. Dass Gothic in den 90ern bitterböser als heute gewese sein soll, wage ich zu bezweifeln. Es hängt von jedem einzelnen “Szenegänger” ab, in welche Richtung sich da Bild der “Szene” wandelt. Wo die Romantik geblieben ist? Die definiert jeder für sich. Für den einen ist es die Schauerromantik, muffelige Friedhofsluft, Elfenkitsch oder eben die nüchterne kalten Klänge von Urgsteinen wie Joy Division. Eine regionale, aber auch persönliche Entwicklung. Wir können die Szene nicht greifbar machen, sie ist wie ein schwarzes Meer mit verschiedenen Strömungen, Tiefen und Strudeln. Die Gemeinsamkeit aber bleibt: Schwarz und für außenstehende eher skuril anmutend. Ich mag die Szene in ihren Facetten und Gothic als Teil von ihr.
hat bereits 17 Kommentare abgegeben und schrieb am 11. September 2012 um 04:45:
Danke für den schönen Text, in dem ich mich sofort wiedergefunden habe!
Aber auf den zweiten Blick finde ich den Ansatz auch zu kurz gedacht. Sicher, Romantik braucht Ruhe, sonst kann sie sich unmöglich entfalten. Aber Langsamkeit gebiert keine Romantik. Für 98 % unserer Spaßbevölkerung würde da nur Langweile herauskommen.
Unsere Romantik ist eine Geisteshaltung, die zwar der Langsamkeit bedarf, um sich entfalten zu können, aber für die diese Ruhe nur eine zwar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung ist.
Ich kämpfe da selber mit mir und fürchte manchmal, mir in der täglichen Hektik das Nachdenken schon fast abtrainiert zu haben. Es bleibt das Gefühl einer fernen Sehnsucht, die nur noch das Substitut von “Romantik” ist, unerreichbar und immer schneller davoneilend, als man ihr hinterherarbeiten kann.
Diesen Teufelskreis zu durchbrechen ist eine Voraussetzung für romantisches Leben. Nicht ausreichend, aber essentiell, immer wieder vor Augen zu halten. Und dazu gehört die Erkenntnis, daß es nicht nur Ruhe gibt, sondern auch etwas, das dahinter liegt …
Anbei ein Textschnipsel, gerade heute auf einer Endsommer-Radtour ins Tablet getippt, der meine “Romantik” vielleicht ein Stück weit illustriert. Ohne diese Momente der Ruhe unmöglich, aber ohne die “richtige” Geisteshaltung “undenkbar”:
Nun sitze ich hier am Kesselbruchweiher, genieße den Wald, das Wasser und die Wärme der Nachmittagssonne. Libellen schwirren über dem See, das Spiel der Wellen läßt Lichtmuster über die Büsche am Ufer gleiten. Sommer!
Sommer? Es ist ein heißer Tag, die Bäume sind grün, und doch ist etwas anders. Ist es die Kühle des feuchten Bodens, der doch nicht mehr frühlingshafte Grünton der Blätter? Am Baum nebenan hängen rote Beeren, die Entenküken auf dem Teich, eben doch noch klein und flauschig, sind fast schon erwachsen. Oder ist es nur meine Stimmung, die mich die Welt schon durch eine andere Brille sehen läßt.
Es seit wohl ein Herbsttag, der sich noch nicht als solcher zu erkennen geben will. Aber in wenigen Tagen wird es so weit sein, es wird kühl werden,das Laub wird sich färben, die Bäume werden uns mit ihren letzten Kastanien und Eicheln bewerfen. Die Zeit des Nebels kommt, der Friedhofsspaziergänge, des Kerzenscheins und der Grübeleien.
Das ist die Zeit, in der ich mir wünsche, ein Zugvögel zu sein, der ewig dem Sommer hinterher fliegen kann. Doch ich muß hier bleiben.
Unten im Weiher balanciert ein junges Teichhuhn mit dürren Beinen über ein Stück Treibholz, stakst über ein paar Seerosenblätter und läßt sich wieder ins Wasser gleiten. Wie schön ist es doch, noch einen Tag im Sommer verbringen zu dürfen!
hat bereits 10 Kommentare abgegeben und schrieb am 11. September 2012 um 13:07:
Mein nachhaltigstes Erlebnis an die 80′er ist, dass mir mal in der Alabamhalle (Ramones 1987 ??) ein Punk voll in den Kragen der Lederjacke gekotzt hat und dann weggelaufen ist. :) An Romantik kann ich mich da wenig erinnern. Kann aber auch damit zusammenhängen, dass die meisten, die ich kannte, eigentlich keine Muße für Romantik hatten, weil sie mit dem täglichen “Überlebens”kampf vollauf beschäftigt waren…
Also mal ehrlich, was soll dieses ewige Klagen und Jammern über vergangene Zeiten und diese ewigen Vergleiche mit früher und diese Suche nach Romantik, die bei den meisten nie da war? Im Gegenteil, wir sind vor dieser verlogenen Romantik der (Studenten)-Hippies und ihren Hesse-Debattierzirkeln davon gelaufen, weil sie mit (unserer) Wirklichkeit nichts zu tun hatten.
Wenn es etwas zu bedauern gibt, dann ist das die unpersönliche und unverbindliche Art und Weise, wie mittlerweilen bei den “Schwarzen” miteinander umgegangen wird. Das war seinerzeit, zumindest in meiner Clique von “bayerischen Landpunx” :), neben der Musik das Besondere an der Sache und das vermisse ich heute.
Ach ja, für mich ist einer der romantischsten Songs, die je geschrieben wurden, “Poem For A Nuclear Romance” von Anne Clark.:)
What will it matter then
When the sky’s not blue but blazing red
The fact that I simply love you
When all our dreams lay deformed and dead
We’llbe two radioactive dancers
Spinning in different directions
And my love for you will be reduced to powder
The screams will perform louder and louder
Your marble flesh will soon be raw and burning
And kissing will reduce my lipsto a pult
Hideous creatures will return from the underground
And the fact the I love you
Will die
You don’t have to sleep to see mightmares
Just hold me close
Then closer still
And you’ll feel the probabilities pulling us spart.
Den lieb ich noch heut.
hat bereits 5 Kommentare abgegeben und schrieb am 14. November 2012 um 16:16:
Das wirklich Wichtige ist es doch, an seiner ganz persönlichen tiefen Sehnsucht und Romantik festzuhalten. Aber zu sehr verlieren darf man sich auch nicht. Ich finde romantische Menschen sehr schön und diejenigen, die dazu stehen und sie leben, finde ich noch schöner. Romantische Musik kann jeder hören, romantische Texte jeder auswendig lernen, die Tiefe muß schon wirklich sein. Es ist wie bei einem Zauberer: bei manchen sind es gute Tricks, bei anderen eben echte Magie!