16 April

Archiv der Jugendkulturen

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 20099 Kommentare

archiv der jugendkulturen

Wenn es darum geht über unsere Jugend zu berichten, verfallen viel zu viele Journalisten und Publizisten in das gleiche Schema. Sie verlassen sich auf ihr Wissen oder ihre Erfahrungen und mischen Recherche mit Halbwissen aus Schlagzeilen. Dabei hat jede Jugendkultur ein mehr oder weniger intensiven Hintergrund, der sich den meisten Menschen leider nicht erschließt. Woher soll man auch seine Informationen nehmen? Das Netz ist zwar voll damit, doch ist es recht schwer, die guten von den schlechten zu sondieren, gerade dann wenn man selbst nie ein Teil dieser Kultur ist oder war.

Man verlässt sich auf Studien und Analysen und zieht daraus seine eigenen Schlüsse. So stecken Beispielsweise in der seit 1953 existierenden Shell-Studie1 viele Zahlen, deren Bedeutung mit der Art der Darstellung variiert.

Das Berliner Archiv der Jugendkulturen e.V. sammelt seit 1998 Bücher, Diplomarbeiten, Medienberichte und Fanzines der vielen unterschiedlichen Jugendkulturen und wertet diese aus um sie in ihren Räumlichkeiten in Berlin-Kreuzberg auf rund 200qm der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. 8 Festangestellte und rund 15 freie Mitarbeiter, die meist selbst einen jugendkulturellen Hintergrund haben kümmern sich dabei um die Pflege und Auswertung der Informationen. Mit rund 30 eigenen Publikationen und als Basis unzähliger wissenschaftlicher und journalistische Arbeiten hat sich das Archiv einen Namen gemacht. Wenn es etwas über eine Jugendkultur zu wissen gibt, hier findet man die Informationen. Entstanden ist es übrigens aus Desinteresse, denn eigentlich wollte Klaus Farin seine private Sammlung von Fanzines einer Universität zu Forschungszwecken spenden, leider wollte sie niemand haben. Aus dieser Idee gründete sich dann das Archiv der Jugendkulturen.

archiv2

In der zwei­mal jähr­lich erschei­nen­den Zeit­schrift Jour­nal der Jugend­kul­tu­ren gibt das Archiv immer wie­der einen aktu­el­len Blick auf die vie­len unter­schied­li­chen Szene und ist damit eine zumeist herr­lich Objek­tive Alter­na­tive zu den rest­li­chen Infor­ma­tio­nen.  Da sich das Archiv nur durch die eige­nen Publi­ka­tio­nen finan­ziert und auf die Bei­träge ihrer Mit­glie­der ange­wie­sen ist, habe auch ich mich 2008 ent­schie­den, den Ver­ein durch eine Mit­glied­schaft zu unter­stüt­zen. Natür­lich nicht ohne Eigen­nutz, das muss ich ehr­li­cher­weise zuge­ben. Denn die kos­ten­lo­sen Publi­ka­tio­nen die ich als Mit­glied erhalte, sind Gold wert und sehr oft Basis oder Bezugs­quelle eige­ner Arti­kel hier im Blog.

Mitt­ler­weile enga­giert sich der Ver­ein auch in der akti­ven Arbeit und ver­mit­telt kom­pe­tente Refe­ren­tIn­nen, Tagun­gen und Aus­stel­lun­gen und macht sich mit sei­nem Pro­jekt Cul­ture on the Road einem Namen, denn bei den Päd­ago­gen und Mit­ar­bei­ter in Schu­len, Jugend­clubs und Gemein­de­häu­ser die sich inten­siv mit unse­rer Jugend beschäf­ti­gen besteht eine ganze Menge Nach­hol­be­darf, den das Pro­jekt stil­len möchte. Einige der Bücher, die unter der Mit­wir­kung oder durch die Eigen­ar­beit des Archivs ent­stan­den sind habe ich mir bereits zu Gemüte geführt und ent­spre­chend dar­über berich­tet. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen schlum­mert noch eini­ges in mei­nem Bücher­re­gal, das soll sich aber ändern.

Wer jetzt Inter­esse bekom­men hat und mehr erfah­ren möchte, dem seien die Inter­net­sei­ten ans Herz gelegt, die ich bereits hier im Arti­kel ver­linkt habe. Wer in Ber­lin wohnt, sollte es sich nicht neh­men las­sen ein­mal dort vor­bei­zu­schauen und sich selbst ein Bild von unse­rer oder auch sei­ner eige­nen Jugend zu machen. Ein sehr infor­ma­ti­ves Inter­view mit Andreas Kutt­ner das vom fanzine-index.de geführt wurde, infor­miert umfas­send über die Hin­ter­gründe und die Arbeit des Archivs. Für einen Mit­glieds­bei­trag von 48€ erhält man 2 Publi­ka­tio­nen des Archivs kos­ten­los, sowie das Jour­nal selbst und das gute Gefühl eine schöne Sache zu unterstützen.

(Bil­der­quel­len: Archiv der Jugend­kul­tu­ren)
  1. Die Shell-Studie, die kurio­ser­weise vom Mine­ral­öl­kon­zern in Auf­trag gege­ben wird, erscheint etwa alle 3 bis 4 Jahre und wird bei reno­mier­ten Insti­tu­ten in Auf­trag gege­ben und ist 2006 in der 15. Auf­lage erschie­nen. Bei der Uni Bie­le­feld kann man sich eine Zusam­men­fas­sung als PDF Datei anse­hen. []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Ansichtssache
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9 Kommentare

  1. warum das tag »klaus farin«? habe gerade ein buch von ihm fer­tig gele­sen! sehe aber nicht den bezug zu ihm im text

  2. Du hast natür­lich völ­lig recht. »Klaus Farin« ist der Grün­der des Archivs der Jugend­kul­tu­ren, ich habe den betref­fen­den Absatz im Text ergänzt. Dies­mal kam der Tag vor dem Text :)

  3. Irgend­wie trau­rig, dass Uni­ver­si­tä­ten ein sol­ches Des­in­ter­esse zeigten/zeigen…

  4. Gothic betref­fend stelle ich mir (zwangs­läu­fig) die Frage: Ist es Jugend­kul­tur?
    Wei­ter­füh­rend: Gibt es even­tu­ell eine Jugend-Goth-Kultur und eine »Greisen«-Goth-Kultur (mir ist kein bes­se­res Wort ein­ge­fal­len)? Und gibt es Zusammenhänge?

  5. Ich muß mich selbst ver­bes­sern, klar ist es noch Jugend­kul­tur, was mich selbst freut, da es sozu­sa­gen Nach­wuchs gibt. Ich gebe zu, mein Kon­takt zur Jugend ist nicht beson­ders inten­siv, aber ich fände es schön, wenn es mehr Kon­takt zwi­schen mir und der Jugend-Goth-Kultur geben würde, wobei ich da wie­der Robert recht geben muss, daß die Jugend-Goths oft nur Party und Tanz, wenn über­haupt, im Kopf haben … irgend­wie macht mich das gerade etwas traurig.

  6. @Atanua: Gerade von Uni­ver­si­tä­ten sollte man mehr Inter­esse an neuem erwar­ten, völ­lig richtig.

    @Vizioon: Wie du sel­ber fest­stellst, ist Gothic nach wie vor eine Jugend­kul­tur, nur mit ande­ren Hin­ter­grün­den. Wäh­rend heute die Party als sol­che im Vor­der­grund steht, war das frü­her ein klein wenig anders. Damals war der Trend ein­fach noch zu unbe­kannt um in der brei­ten Masse zu ver­sin­ken, die Beweg­gründe andere als heute.
    Es ist äußerst schwer, mit der Jugend in Kon­takt zu kom­men, da man Ü30 Pau­schal uncool ist :) Zu einem fällt es den meis­ten doch viel zu schwer, wirk­lich ernst­haft zuzu­hö­ren, wenn der/die Jugend­li­chen über ihre Gründe erzäh­len. Ich finde es auch trau­rig, das sich so wenig mit den Bewe­gungs­grün­den aus­ein­an­der­set­zen, ich kann es ihnen aber nicht übel­neh­men. Schließ­lich ist das ja wie Geschichts­un­ter­richt und der ist lang­wei­lig. Jugend­li­che sind lie­ber Teil von etwas neuen, abgren­zen­den und für die Erwach­se­nen­welt unbe­kann­ten. Wenn du zum Bei­spiel nach Visual Kei schielst, kann man erken­nen, das dort wesent­lich mehr Inter­esse von jün­ge­ren Men­schen herrscht.
    Die »Neuen« For­men des Gothic, wenn man diese über­haupt so ein­ord­nen mag sind da viel reiz­vol­ler als das, was wohl­mög­lich die Eltern schon gut gefun­den haben, schließ­lich wäre das so, als würde man mit sei­nen Eltern kegeln gehen, oder?

  7. Je län­ger ich dar­über nach­denke, desto weni­ger glaube ich wirk­lich an eine Kul­tur. Ich befürchte mehr so etwas wie einen Trend, aus dem zur Zeit einige Jugend­li­che hin­ein und genauso schnell wie­der hin­aus wan­dern.
    Natür­lich ist meine Sicht sub­jek­tiv, aber wenn ich mir die Jugend so anschaue, dann bleibt zuneh­mend ein Bild, bei dem ich lie­ber mit mei­nen Eltern kegeln gehe, als sich mit der heu­ti­gen Jugend über The­men zu unter­hal­ten, die sie eh nicht bewe­gen, weil »der Style cool ist«, aber alles andere nicht.

  8. In gewis­ser Weise hoffe ich auf einen kurz­le­bi­gen Trend die­ses Stils, denn umso schnel­ler haben wir wie­der unsere Ruhe. Ich finde, die Jugend­kul­tur der Gothics gibt es nach wie vor, sie geht nur im Brei des Trends unter und ist als sol­che kaum noch aus­zu­ma­chen. Da bleibt mir nur die Hoff­nung in mei­nes ers­ten Satz. Ich glaube, wenn es auf dem WGT wie­der sin­kende Besu­cher­zah­len zu ver­mel­den gibt, gehe ich wie­der hin :)

  9. Och, zum WGT würde ich schon gehen (wenn ich könnte), allein die Abwechs­lung an Styles, ob nun gut oder schlecht und die Set­list könn­ten dazu moti­vie­ren, unter ande­rem »My Dying Bride«, »Cra­nes«, und tat­säch­lich »Specimen«…leider passt es bei mir nicht in den Ter­min­plan, und Kohle hab ich auch nicht :(

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