9 November

20 Jahre Mauerfall - Wir sind das Volk

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 20094 Kommentare

Bild 183-1990-0922-002Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Ich habe mich tatsächlich schon während des ersten Kaffees und auch noch am frühen Morgen aufgeregt. Die ganze Welt feiert den Jahrestag des Mauerfalls, aus aller Welt gibt es Meldungen über Feierlichkeiten zum Fall der Mauer am 9.11.1989 und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, das sich Leute auf die Schulter klopfen, die damit überhaupt nichts zu tun haben.

1378 km lang war die Grenze zwischen den beiden deutschen Ländern, mit rund 1,4 Millionen Minen bestückt, 55.000 Selbstschussanlagen hinderten die Bürger der DDR am "illegalen" Grenzübertritt. Die Stasi zählte 38.063 Fluchtversuche, wieviele Menschen davon ermordet wurden, ist immer noch unklar. Die, die dem Tod entkamen, wurden ins Gefängnis gesteckt. 221 Todesurteile wurden in der DDR verhängt, 164 vollstreckt. Werner Teske wurde im Juni 1981 durch einen Genickschuss hingerichtet und war das letzte Opfer der Todesstrafe. 180.000 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi sorgten für 112 km Akten, an denen man heute noch zu knabbern hat. Die Berliner Mauer mit ihren rund 168 km nur das Symbol dieses Wahnsinns.1

In Paris feiert man mittlerweile auch den Mauerfall und freut sich für die Deutschen. Die Bedenken, die Frankreichs damaliger Präsident Francois Mitterrand kurz vor Weihnachten 1989 äußerte, scheinen zerstreut. Gebranntes Kind scheut das Feuer - Ist den Franzosen zu verdenken Angst vor einem "starken" Deutschland zu haben? Die Narben der Vergangenheit sind tief. Schön das man sich jetzt gemeinsam freut, selbst über einen gemeinsamen Feiertrag wird spekuliert, Frankreichs Europastaatsekretär Lellouche: "Wir haben viele Ideen gemein­sam mit den Deut­schen. Im neuen Jahr wird eini­ges ange­kün­digt werden!»2 Ein gemein­sa­mer Feiertag?

President_Reagan_and_Prime_Minister_Margaret_Thatcher_at_Camp_David_1986In Los Angeles, der Stadt der Engel schreibt man ganz frech: "Am 9. Novem­ber 1989 fiel die Mauer, am 8. Novem­ber 2009 wird sie in Los Ange­les wie­der aufgebaut.« So zu lesen im Intro der eigens dafür ein­ge­rich­te­ten Seite Wall­pro­ject (via Süd­deut­sche). Auf einem Stück der Mauer haben die Ame­ri­ka­ner die ihrer Ansicht nach wich­tigs­ten Per­sön­lich­kei­ten des Mau­er­falls abge­bil­det. John F. Ken­nedy »Ich bin ein Ber­li­ner!« und Ronald Rea­gan »Mis­ter Gor­bat­schow, tear down this wall!«

In Lon­don baut die bri­ti­sche Künst­le­rin Manon Awst zusam­men mit Ben­ja­min Walt­her vor der deut­sche Bot­schaft ein 3,5 Meter hohe Eis-Mauer auf, die im Laufe des Tages schmel­zen soll. Damit soll gezeigt wer­den: Gren­zen kön­nen über­wun­den wer­den.3 Gren­zen, die einst von Mar­ga­ret That­cher gebaut wur­den: »Es ist klar, dass Bri­tan­nien, Frank­reich und die Sowjet­union gegen die Wie­der­ver­ei­ni­gung sind…»4

Jahr um Jahr schmü­cken sich Poli­ti­ker und Men­schen mit dem his­to­ri­schen Mau­er­fall, par­ti­zi­pie­ren mit dem Ereig­nis das vor 20 Jah­ren die Welt bewegte. Doch ein­zig und allein den Men­schen, die zu tau­sen­den auf die Strasse gin­gen und fried­lich für mehr Rechte kämpf­ten gebührt die­ser Ruhm. Kurio­ser­weise bot die Kir­che in der DDR den ent­spre­chen­den Frei­raum, eine sol­che Bewe­gung ins Leben zu rufen und war immer wie­der Rück­zugs­ort für »Ande­res­den­kende« Men­schen. Aus den Frie­dens­ge­be­ten ent­stan­den die Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen, die schließ­lich im Okto­ber 2009 bis zu 300.0005 Men­schen zu einem Pro­test­marsch ani­mier­ten. »Wir sind das Volk!« und der geballte Wille vie­ler Bür­ger drehte das Dik­tat um und zwang die Poli­ti­ker in die Rolle der dik­tier­ten. Kohl, Rea­gan und Gor­bat­schow sind mei­ner Ansicht nach Nutz­nie­ßer und haben allen­falls durch Hil­fe­stel­lun­gen, Weg­be­rei­tun­gen und Soli­da­ri­täts­be­kun­den Ein­fluss genommen.

Im Mai 1989 wei­sen Bür­ger­recht­ler der SED Wahl­be­trug nach, das die ers­ten Men­schen auf die Straße bringt, aus 550, die am 8.Mai in der Leip­zi­ger Niko­lai­kir­che ein­ge­kes­selt wer­den, wer­den am 25. Sep­tem­ber schon 5000. Die größte Pro­test­ak­tion seit dem Bau der Mauer 1961. Immer wie­der Demons­tra­tio­nen, viele Fest­nah­men und Überg­rif­fen sei­tens der Poli­zei. Flücht­linge, die sich in die deut­sche Bot­schaft in Prag drän­gen, dür­fen am 30. Sep­tem­ber 89 aus­rei­sen.  Wäh­rend die SED am 7. Okto­ber noch den 40. Jah­res­tag der DDR fei­ert, demons­trie­ren in Leip­zig am 9. Okto­ber 1989 70.000 Men­schen. Die Organe wagen es nicht die Mas­sen­demo gewalt­sam auf­zu­lö­sen. Am 16. Okto­ber 89 sind es 100.000.  Erich Mielke, Chef des Stasi, ord­net am 6. Novem­ber 89 die Akten­ver­nich­tung an.

9. November: Pressekonferenz um 18 Uhr in Ost-Berlin. Günter Schabowski, Pressesprecher des neuen Politbüros, spricht über "dieses Bedürfnis der Bevölkerung zu reisen oder die DDR zu verlassen". Um 18.53 Uhr stellt Ricardo Ehrmann von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa eine Frage zum neuen Reisegesetzentwurf. Schabowski beugt sich über seine Papiere, sagt: Es "ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung getroffen worden." Der Ministerrat habe schlossen, "heute, äh, eine Regelung zu treffen die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen." "Ab wann" hakt Ehrman nach. Schabowski blättert wieder in Papieren. Er hat keine Ahnung. Krenz hat ihm die Blätter erst kurz vor der Pressekonferenz in die Hand gedrückt. Die Journalisten lassen nicht locker. Schabowski stottert, sucht nach Worten. Dann sagt er: "Dass tritt nach meiner Kenntnis..." Er macht eine Pause. "ist das sofort, unverzüglich." Eigentlich sah die neue Reiseregel vor, die DDR-Bürger Ausreiseanträge stellen zu lassen. Doch das hat Schabowski in den Papieren überlesen. Um 19.05 Uhr meldet die Tagesschau: "DDR öffnet Grenze". (Quelle: 20 Jahre Mauerfall - Das geschah im Jahr 1989, stern.de)

Pressekonferenz mit Schabowski am 9.11.1989

Pres­se­kon­fe­renz mit Scha­bow­ski am 9.11.1989

Nicht, das mich einer falsch ver­steht. Sicher haben auch diese Men­schen und Poli­ti­ker ihren Teil dazu beige­tra­gen, aber sie haben nur auf das rea­giert, was 1989 unaus­weich­lich erschien. Das ist meine Sicht der Dinge und gerne lasse ich mich über andere Ereig­nisse auf­klä­ren oder eines bes­se­ren beleh­ren, vor­zugs­weise von denen, die dazu etwas sagen kön­nen und wol­len. Als ich 1989 mit vie­len ande­ren auf dem Markt­platz stand um mich für die ande­ren zu freuen war ich 16 Jahre alt, 20 Jahre spä­ter kann ich wahr­schein­li­cher immer noch nicht voll­stän­dig erfas­sen, was damals in der DDR geschah. Aber in Zei­ten von gegen­sei­ti­ger poli­ti­scher Bauch­pin­se­lei stößt mir so etwas immer unan­ge­nehm auf, wenn sich Leute aus der Öffent­lich­keit mit den Kro­nen der ande­ren schmü­cken. Der Kanz­ler der Ein­heit? Ein gemein­sa­mer Fei­er­tag mit Frank­reich? John F. Kenndy und Ronald Rea­gan als Sym­bol für den Mauerfall?

Das ein­zige Sym­bol, das für mich zählt sind die Men­schen, die im Okto­ber 1989 auf die Straße gin­gen um für ihre Frei­heit und ihre Rechte zu demons­trie­ren, fried­lich. Wohl­wis­send, das sie von Stasi und Staat beob­ach­tet wer­den und in Angst wohl­mög­lich weg­ge­sperrt zu wer­den und in der Gewiss­heit, sich auf der Staats­feind­liste ganz nach oben kata­pul­tiert zu haben. Erst mit der Hoff­nung und dann mit dem Wil­len etwas ver­än­dern zu kön­nen. Ein Gefühl, das man heute schmerz­lich vermisst.

(Bild­quelle: Bun­des­ar­chiv, Bild 183−1990−0922−002, Fried­rich Gahl­beck, Wiki­pe­dia)
  1. Quelle für Zah­len und Fak­ten: stern.deEine Dik­ta­tur in Zah­len, Wiki­pe­dia — Ber­li­ner Mauer, eigene Recher­che bei Google.de []
  2. Aus dem Arti­kel: Auch Paris fei­ert den magi­schen Moment der Geschichte, tagesschau.de vom 09.11.2009 []
  3. Aus dem Arti­kel: 20 Jahre Mau­er­fall, Freude und Nost­al­gie im Aus­land, All­ge­meine Zei­tung vom 08.11.2009 []
  4. Aus dem Arti­kel: Mau­er­fall schwächte auch Mar­ga­ret That­cher, welt.de vom 21.10.2009 []
  5. Aus einem Gespräch mit Chris­tian Füh­rer: Fried­li­che Revo­lu­tion, Goethe-Institut, Februar 2009 []

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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4 Kommentare

  1. Ich kann mich dei­ner Mei­nung nur anschließen.

    Damals, 1989, war ich gerade mal 13, ich stand an kal­ten Mon­tag­aben­den gemein­sam mit eini­gen Freun­din­nen und Tau­sen­den von Men­schen inmit­ten unse­rer Stadt, wir demons­trier­ten mit und auch wenn wir noch ziem­lich jung waren, wir wuß­ten, daß hier etwas Bizar­res, etwas Unbe­greif­ba­res im Gange war.

    Man­che Leute behaup­ten zwar, mit 13 wären wir viel zu jung gewe­sen, um über­haupt zu wis­sen, was los ist.

    Ich aber sage, mit 13, da hatte ich bereits 7 Jahre Jungpionier-Sein, Thälmann-Pionier-Sein, Staats­bür­ger­kunde, erwei­ter­ten Russisch-Unterricht ab der 3. Klasse, unzäh­lige Fah­nen­ap­pelle, Pflicht-Gruppenratssitzungen, Anwe­sen­heits­pflicht bei Mai-Demonstrationen inklu­sive »Anzugs­ord­nung« und »Pflicht-Winken« und immer wie­der Pro­be­alarme mit Auf­ent­halt im schul­ei­ge­nen Luft­schutz­kel­ler für den Fall eines ato­ma­ren Angriffs der USA unter Rea­gan hin­ter mir, die mir wirk­lich Angst machten.

    Ich bin mit Paro­len auf­ge­wach­sen, die ich bis an mein Lebens­ende nicht ver­ges­sen werde, wie »Von der Sowjet­union ler­nen heißt Sie­gen ler­nen!«, »Freund­schaft zur Sowjet­union — Her­zens­sa­che aller!«, »Der Sozia­lis­mus siegt!«.

    Micky Mouse-Hefte gal­ten als Schund– und Schmutz­li­te­ra­tur und West­fern­se­hen war offi­zi­ell — nun ja — nicht erwünscht.

    Ich erlebte, wie eine gute Freun­din plötz­lich ein­fach nicht mehr da war (genauso wie 2 andere Kin­der und eine Lehrerin),und man erfuhr, daß diese Fami­lien einen Aus­rei­se­an­trag gestellt hat­ten und nun bei Nacht und Nebel das Land hat­ten ver­las­sen müssen.

    Nein. Ich denke, mit mei­nen 13 Jah­ren war ich nicht wirk­lich zu jung, um zu ver­ste­hen, was damals in unse­rem »Vater­land« vor sich ging.

    Noch heute bekomme ich buch­stäb­lich Gän­se­haut, wenn ich die Filme aus der Bot­schaft, mit Gen­schers unvoll­en­de­tem Satz und die Ereig­nisse am Bran­den­bur­ger Tor sehe.

    Und noch heute bin ich der Mei­nung, daß es damals ganz knapp war und an ein Wun­der grenzt, daß es nicht zum gro­ßen Blut­ver­gie­ßen kam.

    Und nein, ich denke nicht, daß sich damit irgend­ein Poli­ti­ker heute schmü­cken sollte. Das ist ein­zig und allein der Beson­nen­heit der Men­schen damals zu verdanken.

    So. Was für ein lan­ger Kommentar… ;-)

  2. Ich kann Dei­nen Aus­füh­run­gen nur zustimmen.

    Ich bekomme immer wie­der eine Gän­se­haut wenn ich die Berichte der Men­schen von damals sehe und höre. Ich finde die Men­schen haben damals beacht­li­ches geleis­tet und es ist immer noch ein Wun­der für mich das kein Schuss fiel.

  3. Das die Mauer fällt, hat kei­ner kom­men sehen und daher ist es schon sehr ver­wun­der­lich wer sich im Nach­lauf damit brüs­tet für die­sen Vor­gang die Lor­bee­ren ein­strei­chen zu dürfen.

    Die Masse der Men­schen selbst — die zu tau­sen­den den Druck auf­ge­baut haben sind anschei­nend nur das Ergeb­nis der Bemü­hun­gen von eini­gen aus­ge­wähl­ten Strippenziehern…

    Aber ist es nicht seit mehr als 20 Jah­ren so, dass sich immer ein Poli­ti­ker oder Wich­tig­tuer in den Vor­der­grund drängt, wenn es darum geht Lob, Aner­ken­nung und Auf­merk­sam­keit zu ernten ?

    Die aktu­elle Geschichte zeigt doch auch erneut — erst wenn das Kind in den Brun­nen gefal­len ist, tritt der Rit­ter in gol­de­ner Rüs­tung auf und will hel­fen — sich opfern für die Mehr­heit. Warum nur ist nie ein Rit­ter im Vor­feld in Sicht und schrei­tet ein wenn noch nicht alles ver­lo­ren ist.

    Beson­ders den letz­ten Satz des Arti­kels finde ich schön. Obwohl er nicht ganz stimmt. Ein Ereig­nis das Deutsch­land »ver­bun­den« hat gab es in den 20 Jah­ren noch — das wir Gefühl zur Fuß­ball Welt­meis­ter­schaft war irgend­wie vergleichbar.

    Trau­rig eigent­lich, dass es in 20 Jah­ren nur 2 Ereig­nisse gege­ben hat in denen man fühlte das Deutsch­land etwas beson­de­res ist. Wenige Monate Hoch­ge­fühl sind ein­deu­tig zu wenig wenn dar­auf 18 Jahre fol­gen in denen man sich fühlt als hätte man nichts zu melden.

  4. @Magrat: Völ­lig rich­tig. Gerade die Tat­sa­che: »Und noch heute bin ich der Mei­nung, daß es damals ganz knapp war und an ein Wun­der grenzt, daß es nicht zum gro­ßen Blut­ver­gie­ßen kam.« finde ich beson­ders erstaun­lich, gerade nach und wäh­rend der Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen hatte ich mit allem gerech­net, gerade als die Men­schen­menge noch nicht so groß gewe­sen ist. Zu jung ist rela­tiv, du hast das ganze wohl ganz anders wahr­ge­nom­men und gerade Erleb­nisse in der Kind­heit prä­gen dann doch den Cha­rak­ter, oder?

    @Stoffel: Kurios: Für das Jahr danach hatte ich einen OST-Berlin Besuch geplant. Die Frage die ich mir nun stelle, habe ich was ver­passt? Im posi­ti­ven oder nega­ti­ven Sinne sei mal dahin gestellt. Letzt­end­lich bin ich dann nicht gefah­ren, habe Ber­lin gegen Lon­don eingetauscht ;)

    @S. Meyer: Der Fuß­ball­som­mer hat Deutsch­land ver­bun­den, aber natür­lich unter ganz ande­ren Vor­zei­chen. Aber du hast recht, das Phä­no­men, etwas mög­li­cher­weise schlech­tes zu sagen wenn man aus­spricht »Ich bin stolz ein Deut­scher zu sein« ist wie­der zurück­ge­kehrt. Ich glaube das ist eine Tat­sa­che, die wir nicht mehr los­wer­den, was gute und schlechte Sei­ten hat. Sol­len doch die, die Deutsch­land »sooo schlecht« fin­den, ein­mal für ein Jahr aus­wan­dern. Ich wette, 50% wol­len danach wie­der zurück ;) Kann man nur hof­fen, das bald wie­der ein Deut­sches Groß­er­eig­nis das Volk zusammenschweisst.

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